Der Weihnachtsmann bringt uns zurück zum aktuellen Tag

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Tonplastiken und Texte

Brauchtum der Advents- und Weihnachtszeit

Malen, Spielen und Basteln

Wußten Sie schon? - Informationen zum heutigen Tag

Hier gibt es leckere Rezepte

Kleinmuckelsdorf

Heute gibt es die ganze Geschichte am Stück zu Lesen. Am Besten wird es sein, Du druckst sie Dir aus (ca. 25 Seiten A 4) und liest sie dann in Ruhe ...

Das Taxi kommt nur langsam voran, es ist Adventssamstag, die Geschäfte in der Innenstadt laden zum langen Einkaufsbummel ein. Um das Taxi hat sie am Flughafen kämpfen müssen, ihren Regenschirm dabei eingebüßt. Straßen und Wege sind voll. Längst ist es um halb sechs schon finster draußen. Naßkalt pfeift der Wind durch die Straßen der Stadt, die Leute haben Krägen und Schals bis über die Nase gezogen, Regenschirme biegen sich unter dem Druck des Windes, große Tüten und Taschen schaukeln wild und zahlreich an den Armen. Autos hupen. Maja gibt ihrem Manuskript noch den letzten Schliff, die MAZ war schon per Luftpost zum Sender vorausgeflogen. Drei Monate hat sie zusammen mit ihren beiden Kollegen an einem Fernsehbericht über Medienarbeit in verschiedenen Regimen in aller Welt gearbeitet. Drei lange und unsichere, einsame Monate, weit weg von zu Hause. Abspeichern, fertig. Jetzt ist Advent, in wenigen Tagen Weihnachten, sie ist fast zu Hause und ihr Freund wartet schon in der Redaktion auf sie. Der Fahrer flucht in seinen Bart und zieht ständig an seiner Mütze herum, sie kommen nicht voran, er hupt mit den anderen mit. Was soll´s, die paar Minuten sind nun auch egal. Im Radio beschwert sich der Moderator über das nasse Wetter, ein Star-Meteorologe verspricht keine Besserung, Weihnachten würde wohl naß bleiben, von weiß keine Spur, die Leute sollten sich besser Schnee in die Fenster sprühen. Der Taxifahrer beginnt unter resignierendem Zerren an seiner Mütze zu erläutern, was das für sein Geschäft bedeutet, die Leute fahren so ungern im Schnee mit dem eigenen Auto. Maja zieht sich den Mantel aus - es wird wohl noch dauern. Es schüttet draußen. Die Menschen schützen sich mit ihren Einkäufen und flüchten in das nächste Geschäft, Regenschirme fliegen davon, plötzlich ist alles leer. Nur die Autos stehen unverändert dicht gedrängt in der Straße, hupen und rangieren wild zentimeterweise hin und zurück. Frank Sinatra gibt seine Vorstellungen von Weihnachten in Californien zum Besten, er träumt von weißer Weihnacht. Der Fahrer summt mit. Maja rutscht hin und her. Der schwarze Teer ist weiß vom aufprasselnden Regen, Flüsse stürzen in die Kanäle. Ein Regenschirm schwemmt vorbei. Es ist kaum etwas zu sehen da draußen. Am Innenspiegel baumelt ein Mistelzweig mit einer roten Schleife dran. Weihnachten im Taxi, zumindest würde es das wohl werden, wenn sich hier nicht in nächster Zeit der Stau auflöst. Sie will wissen, wie der Redaktion der Bericht gefällt, will den Weihnachtsbaum kaufen und Kerzen in der Wohnung verteilen, Gestecke und Leuchter hervorholen. Ihren Freund sehen, Füße hochlegen, kuscheln. Immer noch wird weiter vorne gehupt, der letzte Huper, alle anderen haben schon aufgegeben. Nichts rührt sich.
Mittlerweile sind sie eine Autolänge vorangekommen. Die Polizei steht im Regen. Motoren werden wieder angelassen, es geht vorwärts. Im Radio ist zu hören, daß da vorne an der Kreuzung ein 54-jähriger von einem Auto angefahren worden ist. Er stirbt noch an der Unfallstelle. Die Polizei regelt den Verkehr, mit erheblichen Behinderungen müßten sich die Autofahrer abgefunden haben. Wir fahren an der Kreuzung rechts ab, die Polizei unterhält sich mit fröstelnden und zum Weitergehen gewendeten Zeugen. Der Fahrer freut sich über die zügige Weiterfahrt.
Endlich in der Redaktion angekommen, sieht Maja ihre Post im Büro durch, das Manuskript hat sie vorher der Redaktion zugeleitet. Brigitte steckt den Kopf herein. "Fröhliche Weihnachten, Maja, willkommen zu Hause! Ich dachte Du wärst schon vor ein paar Stunden angekommen. Hendrik ist in seinem Büro." Da ist sie dann auch wieder weg.
Hendrik starrt auf die Fußgänger herab, selbst hält er eine Tasse heißen Tee, das Sakko hängt über dem Ledersessel. Gläserner Schreibtisch, Lamellenvorhänge, anthrazitfarbener Teppich bis zu den Knöcheln. Die Stille dröhnt. Er hat seit Minuten schon nichts mehr gesagt. Er zupft sich ein Fädchen von der Weste und legt es in den Aschenbecher. Hendrik starrt wieder aus dem Fenster. Sie hat keinen Tee, kauert auf einem Metallstuhl, hängt an seinen Lippen. Heftiges Peitschen an die zimmerhohen Scheiben. Kalt ist es nicht nur draußen. Sie nimmt ihre Diskette von dem Tisch, den Ausdruck ihres Berichts und ihr Foto in einem Stahlrahmen hat er ihr auch gleich dazugelegt. Wortlos schleicht sie aus dem Raum.
Auf dem Flur Stimmengewirr und herumlaufende Menschen, von einem Zimmer in das nächste, Telefone, Bildschirme, Klicken, Drucker, die Espressomaschine. Maja sagt nichts, hört nicht die Worte ihrer Kollegen, Fassung bewahren, nur nicht weinen. In der Halle läuft auf einem riesigen Bildschirm das Fernsehprogramm, das hier gemacht wird. Der Pförtner öffnet die Tür, sie hört ihn nicht, geht zu ihrem Wagen. Ein gediegenes Klacken, kurz die Blinklichter. Tasche auf den Beifahrersitz und nur raus hier. Es regnet draußen. Die Umrisse der Häuser wirken wie Medusas Kopf, jetzt der Scheibenwischer, alles klarer. Wieder Schlangenlinien, diesmal auch nach dem Scheibenwischer - denn jetzt kommen die Tränen.
Zuhause macht sich Maja einen Tee, den, den er nicht mag, es duftet nach Weihnachten. Socke schnurrt um Majas Beine, wenigstens einer, der sie braucht und mag, auch wenn es nur des Futters wegen wäre. Dasselbe soll er dann auch haben, natürlich mit Petersilie auf dem Tellerrand, auf seinem Teller. Kerzen werden in die Fenster gestellt, Osterhasen durch Weihnachtsmänner ersetzt, Bachs Weihnachtsoratorium. Nun nur noch die Füße hoch und kuscheln - Socke macht mit.
Hendrik holt am Morgen auf dem Weg zum Sender seine Sachen ab, sind auch schon gepackt gewesen. Nun wohnen hier nur noch Socke und Maja. Das Telefonat mit Mutter verläuft wie erwartet, wie kann man sich nur einen solchen Mann davonlaufen lassen, man müßte solche Dinge doch auch verzeihen können, mit Vater ist das doch nicht anders gewesen. Anstatt der ganzen Reiserei hätte sie doch besser anständig hier aus der Stadt berichten können, freie Mitarbeit sei eben ein Risiko, nun stünde sie ja wohl da, ihre Partnerin warte aber schon am Abschlag, sie müsse nun aufhören ...
Den Regenschirm hat sie am Flughafen vergessen. Deswegen regnet es auch heute noch in Strömen. Ein wenig einkaufen muß sie trotzdem. In der Nacht hat sie ihre Wäsche gewaschen, getrocknet und gebügelt, eine Maschine nach der anderen, bis es hell geworden ist. Die Koffer werden erneut gepackt und ein Flug nach Stockholm gebucht, zu einer Freundin, die dort Korrespondentin ist. Wieder zurück zum Flughafen also, vielleicht steht der Schirm ja noch da, dann könnte man das ganze ja noch einmal von vorne anfangen.
Schon wieder läuft Bach, der Kuchen ist mit Rosinen, Hendrik muß ihn ja nicht essen. Mutters Rezept ist einmalig gegen Langeweile in der Küche. Socke läuft mit einem leichten Grauschleier auf seinem schwarzen Fell durch die Küche. Bis zum Nachmittag ist noch Zeit. Der Kuchen ist für die nette Nachbarin, die sich immer um die Pflanzen und Socke kümmert und das ja nun wieder ein paar Tage tun soll.
Nun auf zum Flughafen. Taschen und Koffer stehen im Flur, Socke wird gekrault, der Kuchen für Frau Mayer arrangiert. Vor zehn Minuten sollte das Taxi da sein. Kein Taxi. Also alleine die Taschen die Treppe hinunter, Klack am Auto und selber fahren. Das Tor rollt hoch und los geht es. Der Zubringer zum Flughafen ist voll, aber man kennt sich ja aus in de Nebenstraßen der Vororte. Zwischen zwei Ortschaften macht es Blubb und Spottelt der Wagen, irgendwelche Lampen blinken alarmierend in den verschiedensten Farben, sogar ein Piepton, irgendwie aber alles zu spät, der Wagen rollt aus und bleibt einfach stehen. Der Warnblinker funktioniert noch, das Mobiltelefon nicht, Akkus sind leer. Zum nächsten Ort sind es noch etwa die Hälfte von 9,5 Kilometern, wie gesagt, es regnet, denn ihr Regenschirm ist am Flughafen. Mantel vom Rücksitz und jetzt wie in der Werbung einer Mineralölfirma, nur ohne Kanister, der steht in der Garage. Schnell sind die Schuhe naß, nicht nur draußen. Irgendwie kommt auch nicht ein Auto hier lang, einen Rad- oder Fußweg gibt es auch nicht, nur einen fußbreiten Rand neben der Seitenlinie.
Die Haare hingen unmöglich links und rechts im Gesicht. Jeder Schritt macht Platsch. Es müssen schon eine Menge Schritte gewesen sein. Rüben liegen links und rechts auf der Straße, teilweise schon recht mußig. Es brummt hinter ihr, wird lauter, ein Ruck geht durch Maja, endlich ein Auto. Sie dreht sich um, wedelt mit Armen, ruft halt. Der dunkle Wagen kommt ihr bekannt vor - M 9060, ihr Kennzeichen. Jemand winkt von innen zurück und braust durch die große Pfütze eines Schlaglochs an ihr vorbei. Die Pfütze ist beinahe leer, sie fühlt sich ein paar Kilo schwerer. Schreien hilft da auch nichts, hätte ihre Mutter gesagt, aber das ist jetzt auch egal, etwas anderes fällt Maja im Moment nicht ein. Felder, der Wald und die Strommasten drehen sich um Maja, sie taumelt, der Kopf schmerzt. Ein paar Phon später: Ob sie sich einfach hier auf die Straße setzt und auf das nächste Auto wartet? Hier neben der Pfütze und gleich bei der Rübe? Vielleicht kommt ja ein Trecker oder jemand mit der Schubkarre, ein Pferdewagen vielleicht. Egal. Hinsetzen wäre eigentlich eine gute Idee, wäre die Alternative zum Waten durch die Fluten der Pampa. Dem Mantel würde es auch nicht mehr schaden. Aber nein, im Ort sind die Chancen auf Rettung größer.
Kleinmuckelsdorf macht diesem Namen alle Ehre, an eine Tankstelle ist hier kaum zu denken. Die einzige Telefonzelle ist deutlich von einer Horde vandalierender Halbstarker benutzt worden, jedenfalls fehlt unter anderem der Hörer. Es ist Sonntag, der kleine Lebensmittelladen und die Bäckerei haben geschlossen. Es gibt einen ganzen Haufen der verschiedensten Vereine hier, alle haben einen Schaukasten an dem Laden. Kleinmuckelsdorfer Weihnachtsball im Dorfgemeinschaftshaus, Thüringer Mett im Angebot, Kleine Katzen in liebevolle Hände abzugeben, Wir machen Urlaub vom 23. 12. bis zum 1.1.
Maja läßt sich vorsichtig im Bushaltestellen-Fachwerkhäuschen des Ortes ein paar Meter weiter nieder. Der zentrale Dorfplatz. Karin ist dof, gez. Karl. Scheisße. Mathias libt A.L. - nun kennt sie wohl den ganzen Ort. Scheunen-Silvester-Fete mit den Forken, der örtlichen Band. Maja muß schmunzeln. Sie kneift sich in den Arm, man weiß ja nie. Der Fahrplan fehlt, wen wundert´s. Das Kaugummi unter ihrem Schuh kann sie wenig beeindrucken. Trocken ist es hier auf jeden Fall. Sie lehnt sich zurück und schließt die Augen. Leise tropft der Mantel, Wasser plätschert das Fallrohr herunter. Kein Hupen, kein Fröhliche Weihnacht aus irgendeinem quäkendem Lautsprecher, kein Telefongebimmel, nur ein paar Kühe sind zu hören. Maja denkt an ihr Kuh-Milchkännchen, Hendrik hat das kitschig gefunden. Kühe sind richtig In im Moment. Die Kapellenuhr schlägt, es ist zehn nach halb fünf.
Nur eine schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht - das sprichwörtliche Motto ihrer Zunft. Davon hat sie heute genug bekommen, keine Lust mehr auf gute Nachrichten. Hendrik geht ihr nicht aus dem Kopf, der Bericht ist doch gar nicht so schlecht, auf jeden Fall aber immer noch zu gut für diesen Sender. Der Flieger mußte gerade in diesem Moment abgehoben haben, eine Viertelstunde als normale Verzögerung eingerechnet. Ihre Freundin hätte sie jetzt gebrauchen können. Ach! Maja streckt die Füße von sich, reckt die Hände ins Gebälk des Häuschens. Warum eigentlich ausgerechnet Hendrik. Hat sie etwas falsch gemacht. Wie kann sie jemanden lieben, der ihr Lieblingskännchen nicht mag. Er ist ihr Chef, das ist er immer noch. Er hat ein altes Mercedes-Coupe und macht Bodybuilding. Er pinkelt im Stehen und benutzt immer ihre Haarbürste. Er spricht mit ihrer Mutter über seine Beziehung mit ihr. Er braucht länger im Bad als sie. Grundsätzlich hat er mehr Platz im Bett und morgens sitzt er vor ihr am Frühstückstisch. Er mag keine Rosinen und trägt eine Brille mit Fensterglas. Hendrik hat einen Leberfleck in Form eines Käfers an seinem ...
Ist sie gerecht mit ihm. Er kann sich nicht verteidigen. Aber was hat sie an ihm gefunden. Er entscheidet über ihre Arbeit.
Wann hat sie das letzte Mal über solche Dinge nachgedacht. Vor drei Monaten! Nein, als er ein Wochenende in Berlin gewesen war. Oder doch noch eher, als ...
Sie ist eine gute Reporterin. Das Fernsehen hat sie immer schon fasziniert, Maske, Mikro, bei drei ... Da hat sie hin gewollt, da hat sie Hendrik kennen gelernt. Schon wieder. Sie will ihm nicht verzeihen. Er erkennt ihre Arbeit nicht an, er meint, es knistert nicht mehr und da wäre jemand, der keine Katze habe, er hat immer so niesen müssen. Papa hin, Papa her, sie verzeiht das nicht, wer ist sie denn. Sie ist kein niemand. Sie ist kein niemand.
Die Füße frieren, der Wind kommt jetzt von weiter vorne und scheucht ein paar bunte Blätter über den Boden des Häuschens. Maja drückt sich weiter in die Ecke. Wo sie vorher gesessen hat ist genau zu sehen, das Holz hat einen runden Fleck. Spuren auf der Bank. Was für ein Tag. Ein Hund bellt. Hinten vor dem Wald ziehen zwei Erwachsene einen Schlitten hinter sich her, da sitzt ein Kind drauf. Mehr kann man nicht sehen. Hendrik hat nie Kinder gewollt, er hat ihr sogar die Pille immer am Abend schon hingelegt. Es ist zum verrückt werden.
Man ist ganz schön aufgeschmissen, so ohne Telefon, keine Geschichte in Sicht, keine Arbeit, rumsitzen, grübeln. Kann man nach Arbeit süchtig werden. Machen Handys Krebs. Der Mensch braucht eine Aufgabe, nichts macht sich von selbst, wer schön sein will muß leiden. Maja schüttelt die klammen Haare auf. Hier muß doch irgendwann ein Bus kommen, wie lange sitzt sie denn schon hier - zehn Minuten. Warum geht das denn nicht weiter, soviel Zeit hat doch kein Mensch, es geht noch ein anderes Flugzeug, vier Stunden später. "So ein Scheiß!"
Das "ei" hallt in dem Häuschen. "Nanana!", kommt es um die Ecke. Maja ist erschrocken, zieht die Beine wieder ein. Eine alte Stimme. Ein Stock mit Fäustling, dann ein beigefarbener Schuh und ein bläulicher Mantel, eine Fellmütze. Vielleicht an die 80 Jahre. "Sowas sagt man nicht! - Hier wohnen doch auch Kinder!" "Entschuldigung!" Das ist alles, was Maja einfällt. Stock, Schuhe und Mantel verschwinden wieder. Die Schritte halten an, ein deutliches Drehgeräusch. "Was machen sie hier eigentlich, junge Frau, he?" "Ich warte auf den Bus." "Sind sie sich sicher?" "Ja, natürlich. Was sollte ich wohl sonst hier tun." "Wenn sie meinen ..." Maja ist erregt. Dumme Fragen in ihrer doch wohl offensichtlich hoffnungslosen und zudem unangenehme kalten Sitzposition kann man nicht ertragen. Also wirklich. Die Alte dreht sich wieder zum Gehen, hält inne. "Es ist heute doch Weihnachten und der Heinz ist krank", sagt sie gereizt. "Natürlich ist Weihnachten und Heinz kenne ich nicht, gute Besserung aber, unbekannterweise!" Das war ja nun wirklich zu blöd, sieht sie aus, als kenne sie einen Heinz. Hendriks Vater heißt Heinz. "Ich meine ja nur", sagt die Frau und geht nun wirklich.
Ein Motor ist zu hören. Maja springt auf, nicht daß der Bus noch einfach an der Haltestelle vorbeifährt. - Ein Trecker. Na toll. Sie sinkt auf ihren angewärmten Platz zurück. Weihnachten ist auch schon schöner gewesen. Im letzten Jahr, da ist sie doch in einem Zug gewesen. Genau, der Mann, der seine Tochter besuchen wollte, bevor sie nach Kanada oder so abdampfen sollte. Und da sind tausende Menschen im Hamburger Bahnhof gewesen, der Zug ist voller Weihnachten, die strickende Oma, die Fensterbilder, der Tee, die Kekse. Die Leute haben nach Weihnachten gesucht. Mit ihrem Kamera-Team ist sie da gewesen. Die Kollegen vom Radio sind dabei gewesen. Das wird sie nie vergessen. Die Geschichte ist live gesendet worden, "Der Zug nach Weihnachten" hat sie sie genannt. Eine tolle Sache. Lokalberichterstattung noch vor einem Jahr, und heute macht sie die internationalen Dinger. Das ist eine schöne Zeit gewesen.
Mensch, das ist schon wieder bald dunkel. Die Straßenlaternen sind schon an, die dicken Wolken machen es noch finsterer. Scheißwetter, denkt sich Maja und lugt dabei vorsichtig aus dem Häuschen. Die alte Frau hat sich bei der Bäckerei mit einer anderen alten Frau untergestellt. Sie führen ein lebhaftes Gespräch. Ob es um Wadenwickel für Heinz geht? In einigen Vorgärten steht eine Tanne mit Lichtern dran, Kerzenbrücken stehen in den Fenstern, nach und nach gehen sie an, tauchen sie auf aus dem Regengrau. Ein Auto fährt vorbei, ein großer Mann mit weißem Bart und roter Jacke sitzt drin ...!?
Er guckt kurz in die Haltestelle hinein, lächelt mitfühlend. Na danke!
Weihnachten ist ein stilles Fest mit den Menschen, die man gern hat, Harmonie, leise Musik, ein silbern geschmückter Tannenbaum. Ruhe haben und vor allem, zur Ruhe kommen, das Rennen und die Arbeit und den Streß vergessen, so hat sie es sich immer gewünscht.
Wann hat sie das letzte Mal ein solches Weihnachten gehabt? Da muß sie überlegen. Hendrik konnte dem Ganzen überhaupt nichts abgewinnen, in seiner Gegenwart ist Weihnachten tabu gewesen, wenn überhaupt, dann hat er sich mit den Kollegen in der Redaktion die obligate Feier angetan und am ersten Feiertag sind sie dann gemeinsam zu seinen Eltern gefahren, Maja und er.
Weihnachtsgeist? - Keine Spur! Und dieses Jahr würde es auch ohne Hendriks Torpedierungen wohl nicht zu einer Änderung kommen, auf jeden Fall nicht, wenn sie nicht bald hier wegkommen würde. Dieses gottverlassene Nest. Kaum ein Mensch auf der Straße, kein Telefon, kein ÖPNV, nichts, nur Kühe und greise Meckertanten. "Manno!" Schmollen ist angesagt. So will doch niemand diesen Tag verbringen, sie will nach Hause.
Nur angenommen, es würde ein Bus kommen, was würde denn dann mit dem restlichen Abend, mit Heilig Abend geschehen? Sie hat keinen Baum, keine Einladung zu einem Essen, die Eltern sind weit weg, ihre Freundin nur mit dem Flugzeug zu erreichen, Hendrik ist aus dem Spiel, im Büro sind nur noch ihre Sachen einzupacken - Socke wäre da, natürlich. Vielleicht sollte sie wirklich hier sitzen bleiben und das nächste Jahr abwarten, neues Spiel neues Glück, vielleicht ein neuer Arbeitgeber. Jedes Jahr um Weihnachten häufen sich die Berichte von Selbstmorden, irgendwie nachzuvollziehen, oder?
Es platscht von links. "Stern in dunkler Nacht, ..." Ein Engel hüpft singend durch den Regen, mit goldenen Flügeln, weißem, wallenden Gewand und einer Regenjacke an. Der kleine Junge bleibt vor Maja stehen. "Was machst Du denn hier?" fragt er staunend. Wahrscheinlich hat er heute noch nicht viele solch erbärmliche Gestalten gesehen. "Ich warte auf den Bus in die Stadt zurück. - Und du? Wohin will denn ein kleiner Engel bei diesem traurigen Wetter?" "Heute ist doch Heilig Abend, da haben wir doch Krippenspiel in der Kirche! Ich bin der Verkündigungsengel und darf auf die Kanzel!" Darauf ist er sichtlich stolz. "Na, dann sieh mal zu, daß Du nicht zu spät kommst, sonst können die anderen nicht anfangen, ohne Verkündigungsengel." "Ach was, wir haben doch noch ganz viel Zeit, ich muß ja auch noch dieses Lied etwas sicherer singen lernen." "Das, was du soeben gesungen hast?" "Stern in dunkler Nacht, hat uns froh gemacht, zeig mir deinen Schein, ..." fängt er gleich an zu singen. "Ich muß jetzt aber wirklich weiter, glaube ich, sonst haben die nachher wirklich keinen Verkündigungsengel!" Und weg ist er. Ein Engel mitten in diesem Sauwetter, in dieser gott- naja, verlassenen Gegend eben. Stern in dunkler Nacht - das kommt Maja bekannt vor. Das hat sie auch schon irgendwo gehört oder sogar gesungen. Na klar, im Krippenspiel! Klein Maja als Hirte, das ist ewig her. Jedes Jahr ist sie einer der Hirten gewesen, es hat nämlich immer zu wenig Jungs gegeben, sogar der Joseph hat von einem Mädchen gespielt werden müssen. Und da haben sie dieses Lied gesungen, sie erinnert sich ganz genau.
Und dann ist sie nach Hause gekommen, die Lumpen ausgezogen und dann ist immer erst gegessen worden. Mama hat immer Würstchen und Kartoffelsalat gemacht, James Last hat Happy Sound unterm Weihnachtsbaum gegeben und Papa hat ein riesen Geheimnis um das Wohnzimmer gemacht, wo er sich schon den ganzen Nachmittag verbarrikadiert und ganz wichtig die Tür immer wieder hinter sich abgeschlossen hat, wenn er noch etwas dazugeholt hat. In Silber ist der Baum geschmückt worden, mit einer uralten Krippenszene darunter. Wir haben es immer kaum abwarten können, bis nach dem Essen endlich das Glöckchen aus dem Wohnzimmer geklingelt hat - bis heute weiß ich nicht, wie das funktioniert hat. Dann schließt Papa auf, wir unter seinen Armen durch, und dann jäh in der Freude gebremst, wenn es nun heißt, die Instrumente klingen zu lassen. Ich am Klavier, mein Bruder die Querflöte, Mama mit ihrer tollen Stimme und Papa, der singt auch und bedient die Triangel bei Jingel Bells. Gedichte, die Geschichte vom Jesuskind aus der Bibel und dann endlich die Geschenke. Die Kerzen brennen, es duftet nach Tanne und das ganze Zimmer ist weihnachtlich geschmückt. Engel halten Kerzen im Fenster, am Kranz sind alle Lichter angezündet. Mandarinen und Nüsse und Mamas Zimtsterne duften darüberhinweg - ich wollt´, ich wär´ zu Hause ...
Maja schwebt durch die elterliche Wohnung. Früher ist alles Drumherum für sie nur lästig und überflüssig gewesen, das Gesinge von Heil und Lob und Dankbarkeit - ihre Eltern haben immer darauf bestanden. Jetzt würde sie am liebsten laut seufzen - das ist alles gewesen, ist vorbei, doch irgendwie kitschig und nicht wirklich. Hier ist es naß und kalt, und sie ist allein, Mutter spielt Golf, irgendwo im Süden, nichts mit Kerzen, Engeln -
... Stern in dunkler Nacht, ...
Auf der anderen Straßenseite läuft ein Hirte vorüber. Er kämpft mit Stock und Regenschirm. Gleich hinter ihm ein König mit einem weiteren Engel. In ihrem Krippenspiel damals ist es auch immer um den raffgierigen Wirt gegangen, der nur seine Arbeit und sein Auskommen im Blick gehabt hat, wahrscheinlich unverheiratet, kein Gespür für die Andächtigkeit der Nacht.
Die Erinnerungen schießen durch ihren Kopf. Es begab sich aber zu der Zeit, ... Eine schöne Zeit ist das gewesen, damals. "Sie sitzen ja immer noch hier!" zetert es. Maja schreckt auf. "Ja, natürlich." "Ich habe ihnen doch gesagt, daß der Heinz krank ist." Schon wieder Heinz. "Ja, aber was soll das denn immer?" "Na, der Heinz ist doch der Fahrer hier an den Sonntagen und auch heute. Da kommt kein Bus, würde ja auch ohnehin nur alle zwei Stunden einer fahren, wenn der Heinz gesund wäre. Die da in der Stadt lassen uns hier draußen ganz schön hängen, das sage ich ja immer, wie soll man da auf das Auto verzichten, bei dieser Verbindung muß man sich in der Stadt ein Zimmer nehmen, damit man nicht über Nacht auf der Straße sitzt, bis dann morgens der Bus wieder zurückfährt!" Maja sinkt in sich zusammen, kein Bus, nicht nach hause, Weihnachten.
Die alte Frau schüttelt den Kopf. "Was machen sie hier überhaupt? Sie sind doch auch aus der Stadt. Von unseren Mädchen trägt keine solche Schuhe!" Maja weiß auch nicht. "Ich sitze hier fest, mein Auto ist geklaut, Job und Freund weg, Flieger weg, mein ganzes Gepäck, meine Klamotten, meine Kreditkarten waren auch im Auto, kein Telefon und dann in diesem Kaff hier, bei Wind und Wetter, an Heilig Abend, nasse Füße habe ich auch - ich wäre auch lieber woanders und wannanders, das können sie mir glauben! Und ihr Heinz ist dann auch noch krank, wo soll ich denn hin..." Ihr Gesicht ist nicht vom Regen naß.
Die Frau guckt ganz entsetzt. "Na, warum haben sie denn nichts gesagt? Das ist doch schon irgendwie wieder hinzukriegen. Stellen sie sich mal nicht so an, Kopf hoch, junge Frau!" Die Frau ergreift Maja am Arm und zerrt sie hoch. "Kommen sie erst mal mit!" Maja geht mit, ist alles egal. Sie gehen durch den Regen. Die andere Frau steht immer noch an der Bäckerei, mit einer weiteren älteren Dame. "Stellt euch vor, die Frau ist hier ganz ohne was in unserm Dorf gelandet und sitzt da durchnäßt in unserm Häuschen!" ruft sie den anderen entgegen. "Um Himmels Willen, da holt sie sich den Tod bei dem Unwetter!" "Sie brauchen ersteinmal was Warmes, mein Kind!" "Aber hier können sie nur schwer bleiben, die Wirte unserer Pension sind in Urlaub auf Mallorca, und sonst haben wir kein Hotel oder sowas", meint die eine. "Aber irgendwo muß sie doch hin", sagt die andere. "Wir bringen sie jetzt zu mir, das ist am dichtesten dran", entscheidet die, die Maja am Arm hält. Die drei setzen sich in Bewegung. Maja muß ihre ganze Geschichte erzählen, auch die von dem gemeinen Dieb, man könne heutzutage ja niemandem mehr trauen, früher hätten sie auch nachts die Türen offen gelassen. Sie gehen zu einem Haus gegenüber der Kirche. Ein altes, wunderschönes Fachwerkhaus. Auch hier steht ein Tannenbaum davor, mit vielen kleinen Lichtern. Lichter in den Fenstern, ein üppiger Kranz an der Tür. Drinnen sieht es urgemütlich aus, ein großer Flur mit alten Türen zu den Zimmern. Es riecht nach Keksen, die Tür zum Wohnzimmer steht offen. Ein plüschiges Sofa mit, ja tatsächlich, mit gehäkelten Deckchen drauf, Sessel, ein Bauernschrank und ein imposanter Weihnachtsbaum bis zur hohen Decke. Ein Feuer knistert im Kamin. Die drei guten Frauen haben im Nu eine Decke angebracht. "Ziehen sie ihre nassen Sachen aus, sie holen sich noch eine Lungenentzündung!" Maja ist naß bis auf die Haut. "Du meine Güte - Friede, hast Du noch Sachen von der Heidi da, die Dame braucht etwas zum Anziehen ..." ruft die eine und läuft in die Küche zu Friede. Ein Sessel wird näher an den Kamin geschoben, eine kleine Fußbank davor. Die große Flickendecke wird hineingelegt, Maja kuschelt sich hinein und streckt die nackten Füße hin zum warmen Feuer. Sie kribbeln, als ob sie wirklich auftauen würden. Das geht alles so schnell. Schon hat die andere ein Tablett mit einer großen blauen Kanne auf den Tisch gestellt. Es duftet nach heißer Schokolade, ein Töpfchen Sahne steht auch dabei. Maja traut ihren Augen nicht. Zimtsterne liegen auf einem Teller auch mit dabei.
Das kann alles nicht wahr sein. Das ist egal. Die Zimtsterne sind herrlich, die Schokolade mit der Sahne ist die reinste Sünde. Die drei Damen stehen neben ihr. Maja klammert sich an der Tasse fest, will nichts mehr loslassen, jetzt bloß nicht aufwachen! Friede legt noch einen Scheit nach. Maja lächelt sie alle drei an, sie setzen sich auf das plüschige Sofa und die eine, ja die holt einen halben Socken und ein Wollknäuel hervor - es ist unglaublich. Das Feuer scheint in den vier Gesichtern wieder, es duftet nach Tanne. Friede hat ein paar Honigwachskerzen angezündet. Nicht rühren, keinen Mucks. Ein leises Dingdong droht, sie aus diesem Traum herauszureißen, aber es geschieht nichts, die drei Damen sitzen immer noch auf dem Sofa, Friede lächelt Maja an, als sie sich davon überzeugt. Es ist eine wunderschöne Standuhr gewesen, halb sechs. So geht es dann eine Ewigkeit weiter und immer weiter.
Es klopft an der Tür, jemand wird draußen vermutet, Friede ruft einfach nur herein und die Tür öffnet sich, keine Gegensprechanlage, keine Kamera, nur eine Türklinke und ein wenig Höflichkeit. Die Kerzen flackern wild und die Kugeln der Tanne geraten ins Klimpern. Eine der drei hält das Gemeindeblättchen auf dem Tisch fest. Der Jemand schließt geräuschvoll die Tür. "Friede, wie gut, daß sie da sind!" "Frohes Fest, Herr Müßigbrodt! Setzen sie sich doch zu uns, ist es etwa naß draußen?" "Sie sagen es, Friede. Furchtbares Wetter ist das, und das am Heiligen Abend, wann hatten wir denn das letzte Mal Schnee um diese Zeit? - Ich kann mich nicht erinnern." "Oh, doch, wir sind schon mit dem Schlitten zur Kirche, erinnerst Du Dich, Hanni, mein Vater hat uns immer gezogen!" Hanni läßt das Strickzeug sinken und die beiden kommen sichtlich ins Schwelgen. "Aber heute gibt es das ja nicht mehr, Schnee hatten wir wirklich schon ewig nicht mehr zu den Feiertagen." Herr Müßigbrodt genießt das Schwätzchen, es gehört halt dazu. "Friede, wir haben ein Problem, ..." "Ach was, nicht an Heilig Abend. Die junge Frau dort hat ein Problem, wir haben keines dagegen." Herrn Müßigbrodt ist es furchtbar peinlich, Maja nicht begrüßt zu haben, aber dieser üppige Sessel, er habe sie ja auch nicht dort vermutet, gestatten, Müßigbrodt sei sein Name. Sogar den Hut hat er gezogen und Maja wartete eigentlich nur noch auf einen Handkuß. Maja schmunzelt. Hanni fragt, wo denn der Schuh drücken würde, ob vielleicht die Heizung in der Kirche ausgefallen sei, an Totensonntag sei es ja doch schon recht fröstlich gewesen, man habe ja schon vermutet. Nein, nein, in der Kirche wird es warm sein, das hätte der alte Fischer doch schon letzte Woche geregelt, irgendein Ventil, oder sowas. Herr Müßigbrodt ist offensichtlich Küster hier. Das Problem sei ja ein wesentlich anders gelagertes, kultureller Natur würde er sagen. Der Herr Pastor hätte ihn ja hierher geschickt. Er sollte sich erkundigen. Es klopft abermals, wieder herein und Wind von draußen her. Man blickt nicht sonderlich überrascht zur Tür. Maja schon und sie staunt. Ein weiterer Herr betritt die Stube und reicht Maja gleich die Hand, er dürfe sich vorstellen, Badtke. So etwas gibt es doch gar nicht, das ist alles nicht wahr. Haus, Tag und Dorf der offenen Tür.
Wieder ein herzliches Geschwätz, Herr Müßigbrodt strahlt über das ganze Gesicht, man fühlt sich hier offensichtlich zu Hause, Majas Zimtsterne gehen durch die Hände. Alle plappern und lachen, die Frau Helmreich hätte man ja soeben gesehen, ob ihr Mann denn über die Feiertage noch nach Hause käme. Der Junge sei ja wohl auch nicht da, hat doch Frau und Kinder in Kassel, ob sie das denn nicht gewußt hätten, der Herr Bernau hätte das doch gesagt. Maja kommt nicht aus dem Staunen heraus, alle kennen sich, alle sind nett zueinander, die reinste Idylle, wie im Paradies - bei der Gelegenheit kommt ihr ganz beiläufig in den Sinn, daß sie unter der Decke ja nicht einmal etwas anhat. Sie zieht die Decke höher, eigentlich müßte ihr das unangenehm sein, aber hier ...
Nach vielen Neuigkeiten und nicht mehr so ganz neuen Nachrichten kommt Herr Müßigbrodt dann doch noch dazu, den Anlaß seines Besuches zu schildern, das kulturelle Problem. Ja, deswegen sei Herr Badtke doch auch hier, ob Friede denn nicht Rat wüßte. Der Kleine von den Reichs, der sei doch überraschend ins Krankenhaus gekommen, hätte sich aber glücklicherweise nur die Finger verbrannt, die kleine Schwester hatte den Tannenbaum umgerissen und man hat die Kerzen ausprobieren wollen. Naja, er könne heute auf jeden Fall nicht spielen, die Finger seien ihm verbunden worden, er wäre aber wohl auch schon wieder daheim. Das sei in der Tat ein Problem. Heilig Abend und es gibt niemanden, der in der Lage wäre, Orgel zu spielen. Das hat es beinahe eben so lange nicht mehr gegeben, wie Schnee an Weihnachten. Da ist nun guter Rat teuer, so kurzfristig noch jemanden von Auswärts ... das hätte der Herr Pastor ja auch schon versucht, keine Chance, die sind alle schon fest eingeplant oder wollten selbst Weihnachten feiern. Da hat Friede nun auch keinen Rat gewußt. Man gibt sich bestürzt. Herr Müßigbrodt zieht den Hut, Empfehlung, er hätte noch eine Menge zu tun, die Kinder seien mittlerweile ja schon zur Generalprobe da, er müsse sich um das Licht kümmern. Herr Badtke müsse nun auch, die Tische im Dorfgemeinschaftshaus für den Ball heute Nacht, man sehe sich ja in der Kirche. Auch Maja noch einen guten Tag, trotz allem und das werde schon wieder, bis dann.
Da sind sie dann auch alle wieder weg. Ein kräftiger Windstoß bringt alles noch einmal in Aufregung, dann hört Maja wieder das Feuer knistern. "Ja das ist ja was, nein, nein", brummelt Hanni vor sich hin. "Der arme Jörg, immerhin ist nicht noch mehr passiert, die ganze Wohnung hätte ja auch in Flammen stehen können!"
"Ich möchte ja nicht irgendwie aufdringlich erscheinen", meldet sich Maja, "aber ich habe nichts an!" "Du meine Güte, das haben wir ja ganz vergessen!" "Und dann die ganzen Männer hier!" "Warten sie einen Augenblick, mein Kind, ich habe da noch ein paar Sachen von unserer Heidi!" sagt Friede und geht aus der Stube. "Nehmen sie solange noch eine Tasse Schokolade - na so was, Herr Müßigbrodt hat alle Zimtsterne weggeputzt, schau dir das an, Hanni!"
Friede kommt wieder zurück. "Ich habe ihnen alles ins Bad gelegt, sie wollen sicherlich erst einmal heiß duschen!" Das ist jetzt genau das richtige. "Oh ja, danke!" Maja erhebt sich aus ihrem Sessel. Noch einmal kurz die Zehen anwärmen. Mit der großen Decke als Umhang schreitet sie durch das Zimmer, es ist plötzlich Jahre früher, nur ist sie jetzt einer der Weisen und nicht nur ein Hirte. Ihre Mama ruft: "Zieh dich endlich um, Maja!"
"Ich habe ihnen das Beste herausgelegt, was ich noch da habe, aber das ist auch schon ein paar Jahre alt. Sie müssen sich da einfach etwas heraussuchen." Maja nickt dankend und schreitet ins Bad. Friede hat wirklich nicht untertrieben. Zwar hat Heidi offensichtlich die gleiche Größe, aber Schlaghosen sind ja wieder salonfähig. Immerhin kein Blumenkind gewesen, da ist auch etwas in dezentem dunkelgrau dabei. Na dann!
Als Maja wieder herunterkommt, sind Hanni und die andere Dame schon weg. Friede sitzt am Kamin. "Die ziehen sich noch um und haben noch ein wenig für heute Abend vorzubereiten." Maja setzt sich dazu. "Vielen Dank! Für alles." Friede nimmt ihre Hand. "Na, das war doch nichts. Was haben sie denn nun vor? Wollen sie vielleicht telefonieren oder ein Taxi - anders kommen sie hier auf jeden Fall nicht weg, sie wissen ja, ..." "Ja - der Heinz ist krank!" Eigentlich ist ihr nicht zum Lachen zumute. "Ich weiß auch nicht. Ich habe mich tierisch über das Telefon und das Auto aufgeregt, aber wenn ich ehrlich bin, wüßte ich gar nicht, wo ich hin sollte." "Wo wollten sie denn hin?" "Ursprünglich war ich auf dem Weg zum Flughafen, naja, und da wollte ich es schneller machen wegen des Staus und dann war das Benzin alle oder irgendsowas und den Rest kennen sie ja. Ich wollte nach Stockholm zu einer Freundin, aber dazu ist es mittlerweile ja auch schon zu spät und die Maschine ist sicher ohnehin ausgebucht. Mein Freund, den habe ich, oder der hat mich sitzengelassen, ich weiß auch nicht und sonst, meine Mutter, naja, ..." "Ach, lassen sie das! Bleiben sie einfach hier in Kleinmuckelsdorf bei mir, ich bin auch alleine. Dann kommen sie mit ins Krippenspiel und danach gehen wir zum Ball ins Gemeinschaftshaus, da sind heute Nacht alle. Ich mache ihnen dann auch ein Zimmer oben fertig, ich habe genügend." "Das kann ich nicht annehmen, das geht nicht." "Was wollen sie denn sonst machen - ich würde mich außerdem sehr darüber freuen! - Stellen sie sich nicht so an, sie kommen mit!" Natürlich will Maja das, wer wollte das nicht? Beide gucken in das Feuer. "Süßer die Glocken nie klingen ..." Draußen singen Leute. Maja guckt aus dem Fenster. "Das ist unser Chor, die singen die Leute zum Krippenspiel. In einer Stunde geht es los. Und das in dem Regen!" "Ich denke, es gibt keinen Organisten?" "Na und, deshalb kann Weihnachten doch nicht ausfallen, wäre ja noch schöner, obwohl es natürlich schon bitter ist. Sie spielen nicht zufällig Klavier oder Orgel, was?" Maja erschrickt. Oh je. Sie hat schon Jahre nicht mehr gespielt. Und die Orgel in ihrem Heimatort, das waren doch nur ein paar Male. "Doch, schon. Aber ich kann das nicht." "Na - sie sind mir ja eine, das sagen sie erst jetzt? Los, ziehen sie sich was über, wir müssen los!"
Ehe sich Maja versieht hat sie schon irgendeinen Mantel an, ein Paar Schuhe kommt auch irgendwoher. Ein Regenschirm wird aufgespannt, aber es regnet nicht mehr. Friede eilt voraus in Richtung Kirche, vorbei an den singenden Chorleuten, "Tochter Zion, freue Dich, ..."
Die Kirche ist hell erleuchtet. Geschäftig huschen Menschen und kleine Engel hinaus und hinein über den Hof ins Pfarrhaus und zurück. Plötzlich steht Maja mitten in dem alten Gemäuer. Die Kinder lassen sich nicht irritieren, der Wirt klagt gerade lautstark sein Leid. Schon wieder ist sie Kind. Hirten sind auch mit dabei, sie lagern auf einem Haufen Decken im Altarraum. Der Stern über Bethlehem soll gerade aufgehen, die Hirten sind erschrocken und ergriffen zugleich, was ist das für ein Licht? Aber die Schnur klemmt, der Stern steckt fest. Die Engel kichern, hinter dem Altar ist jemand hörbar genervt. Die Weisen fragen von hinten, ob sie denn schon losgehen müßten, einer der Hirten nimmt Maria das Jesuskind weg, der Vater schreitet entschieden ein. Ein Engel bemerkt lautstark entsetzt, daß er einen Flügel verloren hat. Friede ist schon bei Herrn Müßigbrodt, der ganz große Augen bekommt und den Herrn Pastor herbeiwinkt. Alle drei freuen sich ganz fürchterlich und kommen nun lächelnd und bestimmt auf Maja zu, wer weiß, was Friede ihnen alles erzählt hat ...
"Sie können heute Abend für uns spielen? Sie sind wirklich unsere letzte Rettung, beinahe hätten wir keine Orgel gehabt, eine furchtbare Vorstellung, und gerade heute." Was sollte sie darauf nun sagen. Nein? "Ja!" - "Ich habe aber schon seit Jahren keine Tasten mehr unter meinen Fingern gehabt, und beim Orgelspielen habe ich immer schon danebengetreten. Ich weiß ja auch gar nicht, was gespielt werden soll und wann?" Sie blickt hilflos in die Runde, diese ist um so sicherer, daß alles klappen wird. Herr Müßigbrodt hat schon die Orgelbücher zur Hand und der Pastor verkündet Maria und Joseph, den Hirten, Engeln und dem Wirt und all den anderen, daß jemand zum Orgeln da ist. Es gibt kein Zurück mehr. Friede lächelt verschmitzt. Maja fügt sich nicht ganz unwillig in ihr Schicksal.
Es ist eine wunderbare uralte Orgel. Das Gebläse summt leise durch den Raum, die Kinder sind alle ins Pfarrhaus hinübergegangen. Es ist still in der Kirche. Maja blickt in den tiefen Raum hinunter. Neben dem Altar ein mächtiger Weihnachtsbaum, von der Decke hängt ein schwerer Adventskranz. Ein Thron ist aufgestellt. Maja schlägt das Buch auf, eine Liste mit den Liedern steckt drin. Sie schiebt ein paar Register rein und raus, ein wenig ausprobieren. Sie rutscht auf der Bank hin und her. Eine kleine Heizspirale ist dort eingebaut, die direkt auf die Füße strahlt, eine praktische Einrichtung. Maja zieht die Schuhe aus und schaltet die Spirale ein. Ein paar unkoordinierte Töne erfassen den Raum, Maja paßt ihre Füße an. Wie war das jetzt? C, E, G. So, dann mal los. Friede hat es sich unten bequem gemacht. Sie wartet ungeduldig auf die ersten richtigen Töne. Wenn das meine Mutter sehen könnte, oder Hendrik - ihr habt keine Ahnung, heute ist Weihnachten!
Das erste Lied, "Es ist ein Ros' entsprungen", verlangt gleich eine ganze Menge auf einmal, die Akkorde wechseln beinahe mit jeder gesungenen Silbe. Friede kann nicht umhin, ihre Gesichtszüge etwas zu verkrampfen - sie hat eben Jahre nicht gespielt, hat sie ja auch gesagt, es ist ja auch noch eine Stunde Zeit ...
Maja hingegen greift immer kräftiger in die Tasten, langsam kommt alles wieder, die klugen Ratschläge ihrer damals so damenhaft strengen Lehrerin, Mama und Papa stehen hinter ihr und alle singen Weihnachtslieder vor der Bescherung. Friede dreht sich etwas irritiert um, Maja singt aus vollem Halse gegen das Volumen der Orgel an: "...das Blümelein so kleine."
Herr Müßigbrodt hat mittlerweile alle Kerzen in der Kirche angezündet, das Licht ist gedämpft, und er begrüßt alle Besucher persönlich am Eingang. Maja sitzt oben auf ihrem Platz, die Übungen sind abgeschlossen, sie beobachtet, wie sich der Raum mit immer mehr Menschen füllt, Familien und Pärchen, alle festlich gekleidet, lachend, fröhlich und freundlich. Ihre Beine baumeln die Bank herunter, die Hände darauf abgestützt. Im Altarraum brennt ein Pappfeuer, die Schnurvorrichtung für den hoffentlich aufgehenden Stern ist fest gemacht, Herodes´ Thron steht der Krippe und dem Lager der Hirten gegenüber, über der Tür zur Sakristei hängt ein Pappschild, 'Zum goldenen Kalb', da wohnt der Wirt. Die Glocken läuten. Hinter dem Altar herrscht Aufregung, die Kinder sind wohl schon da. Der Pastor schwebt in Richtung Altar, hier ein Lächeln, da wird eine Hand gereicht. Bei Maja oben auf der Empore sind alle Plätze vergeben, die Kinder, teilweise von Vätern unterstützt, hängen über der Brüstung, um besser sehen zu können. Die Glocken verstummen und der Pastor guckt intensiv zur Orgel hoch. Maja lächelt zurück, es ist alles so wunderbar. Der Pastor guckt intensiver, beinahe streng. Die Leute neben ihr gucken ebenso - oje, das Vorspiel, sie ist dran!
Ist sie die ganze Zeit über nicht nervös gewesen, so kommt jetzt alles auf einmal, hilflos zieht sie an irgendwelchen Registern, blättert in den Noten, sie trifft mit einem Fuß das tiefe G, die Orgel dröhnt los, die Leute fahren erschrocken zusammen. Niemanden kennt sie hier, alle fragen sich, wer sie ist, und dann diese eigenwilligen, weil viel zu alten grauen Klamotten, wo kommt die denn her. Sowas an Heilig Abend, wir wollten doch einen festlichen Gottesdienst haben ...
Jemand hebt ihr das Buch, mittlerweile am Boden, wieder auf, hat schon aufgeschlagen, schlägt beruhigend die Augen nieder. "Ganz ruhig, wir können warten." Unruhe macht sich breit in den Reihen, jetzt haben sie mich alle gesehen, Bach, Vorspiel, Menschen, Tonart richtig, Friede, Hanni, der Pastor, Herr Müßigbrodt, Sie sind unsere Rettung, das Blümelein so kleine!
So ein beschissener Tag! Wieviel Pech kann ein Mensch eigentlich an einem Tag haben? Auf den Blättern nur noch Schlangenlinien, jetzt auch noch Tränen, reiß dich zusammen!
"Sie werden das wunderbar machen", kommt es wieder von der guten Seele neben ihr, ein freundliches Lachen liegt in der Stimme.
Der Bach am Anfang ist dann schnell geschafft, die letzten Töne hängen im Raum. Die Weihnachtsgeschichte beginnt. Maja dreht sich auf ihrer Bank herum. Lieber niemanden anschauen, ist das alles peinlich. Friede und Hanni drehen sich aus der Menge zu ihr um, Hanni reckt still begeistert den Daumen in die Höhe, das haben wir toll hinbekommen. "Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt sich schätzen ließe..."
Das Geschehen vorne im Altarraum geht seinen immergleichen tragischen wie verheißungsvollen Weg. Zwischendrin singen alle gemeinsam. Die Kinder vorne, wie die, die zuschauen, sind allesamt gespannt und mitgerissen von dem, was dort passiert und einst geschehen ist, was hier jedes Jahr wieder geschieht. Ein Telefon piepst, Maja greift in ihre Taschen. Aber ein Herr weiter hinten auf der Empore wird in seinem Buiseness-Anzug fündig, mit wichtiger Miene gibt er dem anderen zu verstehen, er habe jetzt keine Zeit, werde sich aber umgehend um eine Lösung bemühen. Wie kann man nur. Der kleine Verkündigungsengel macht seine Sache auf der Kanzel ganz hervorragend. Er hat Recht gehabt, ohne ihn wäre hier wohl nichts gelaufen. Sogar die Stern-Aufgeh-Schnur-Konstruktion verrichtet vorbildlich ihren Dienst. Maja verpaßt keinen Einsatz mehr, wird immer sicherer und am Schluß, als Herr Müßigbrodt die Lichter ganz ausmacht und in der ganzen Kirche nur noch die Kerzen brennen und das "Oh, du fröhliche" angestimmt wird, da kann sie nicht mehr anders, da muß die Organistin dann auch wieder laut mitsingen, mit feuchten Augen, "...Welt ging verloren...", eine kleine Hirtin neben den Engeln, "...gnadenbringende Weihnachtszeit...", freue dich!
Es ist geschafft. Maja sitzt vor den Tasten. Die Menschen drängen verhalten zur Tür, der Pastor schüttelt unzählige Hände, "Frohes Fest! Wir sehen uns gleich!" Kleine wartende Grüppchen bilden sich, man ist vergnügt, ergriffen oder im weihnachtlichen Streß. Friede und Hanni haben sich die Empore hochgekämpft, bleiben aber am Treppenabsatz unabwendbar stecken. Sie winken und Hanni hält wie ein Teenager ihren Daumen hoch - es sieht zum Schießen aus. Maja packt ihre Sachen zusammen. Das Notenbuch, zieht die Schuhe an, macht die Heizung und das Orgelgebläse aus. Die Glocken läuten wieder. Diese Augenblicke möchte man festhalten. Maja verharrt auf ihrer Bank, läßt die Beine wieder baumeln. Die Gruppe von Engeln philosophiert lautstark über ihre überlegene Bedeutung für das Stück, wogegen Herodes und insbesondere Maria nicht minder entschieden Einspruch erheben. Nach und nach werden sie von ihren Eltern aus dem Kreis der Debattierenden herausgenommen und treten wohl den Heimweg an, zum Weihnachtsessen und zur Bescherung. Einige wenige von ihnen werden heute abend noch unter dem Weihnachtsbaum singen und vielleicht sogar Instrumente spielen. "Ihr Kinderlein kommet."
Maja dreht sich zur Seite um, der helfenden Hand von soeben gebührt ein großer Dank, unbekannterweise - peinlich hin, peinlich her. Der Platz auf der Sitzbank ist leer. Sie guckt sich um, jede Menge Menschen, aber keiner, auf den es passen würde, Stimme, Augen, niemand dreht sich zu ihr um. Friede und Hanni sind frei, ein großes Hallo.
Herr Badtke läßt es sich dann nicht nehmen, Maja gegenüber, zum Dank im Namen des Dorfes sozusagen, eine offizielle Einladung zum Weihnachtsball auszusprechen. Woanders zu bleiben hätte ohnehin keinen Sinn, schließlich seien alle dort. Oh, natürlich, vielen Dank, ich freue mich schon darauf - aber was soll ich anziehen?
Friede gibt umgehend zu verstehen, daß sie über entsprechende Garderobe nicht mehr verfüge, ihre Heidi hätte nichts dagelassen. Der Pastor läßt keinen Zweifel daran, daß dieses Problem hier doch wohl noch zu lösen sei. Er würde jetzt aber auch gerne zu seiner Familie, man sehe sich dann heute Nacht. Herr Badtke entschwindet ebenso, Hanni schließt sich an. Maja und Friede schlendern nach Hause. Vorbei an der Bäckerei und den Schaukästen, an der Bushaltestelle, den Rüben auf der Straße. Nun laufen Weise, Engel und Hirten in die andere Richtung. Wesentlich schneller als soeben, geht es doch nun heim, zu den Geschenken in die warmen Stuben. In den Häusern brennt überall Licht, die Menschen haben sich vor den Weihnachtsbäumen versammelt, die ganze Familie.
In Friedes Stube ist es auch warm, sie legt noch ein paar Scheite nach. Es ist anders, als es sich Maja ausgemalt hat, als sie sich erinnert. Niemand erwartet sie, keiner sagt, sie solle sich beeilen, die Lumpen ausziehen. Friede starrt in die auflodernden Flammen, Maja steht etwas hilflos in der Tür. Und jetzt? "Tja, mein Kind", setzt sie an "mehr kann ich ihnen nicht bieten, das ist mein Heiliger Abend!" "Sie haben schon so viel getan, seien sie nicht traurig! - Lassen sie uns ein wenig Weihnachten feiern. Meine Aussichten wären noch viel trüber gewesen. Nur bei dem Gedanken an Hendriks grauenvolle Eltern und diese Tischszenen, die Argusaugen dieser Ex-Schwiegermutter in spe - oh, wenn Sie wüßten, wie dankbar ich bin!" Beide fingen an zu lachen. "Also los, Würstchen und warmer Kartoffelsalat, das gibt es bei mir schon seit Jahrzehnten!" Sie decken den Tisch in der Stube und reden über alles Mögliche, Friede schiebt den Kartoffelsalat in den Ofen.
"Wissen sie, letztes Jahr an Weihnachten, da habe ich Heilig Abend in einem Zug verbracht. Das war in allen Programmen in Fernsehen und Radio, eine Gruppe Menschen, die begann, sich über Weihnachten klar zu werden, was das bedeutet, was es ist und was es sein sollte. Und sie halfen einem vollkommen mittellosen Mann, seine Tochter noch zu besuchen, und dieser ganze Zug, ein Waggon nach dem anderen ließ sich von diesem überschwappenden Weihnachtsgeist anstecken, ..." "Sie waren dabei? Das habe ich auch gesehen - aber natürlich, Sie sind das, jetzt erkenne ich Sie erst, Sie sind beim Fernsehen, Sie sind die Reporterin gewesen. - Du meine Güte, das ist ja was!" Friede schüttelt ungläubig den Kopf. "Und so jemand wie Sie, der stürzt hier in unserem armseligen kleinen Dorf ab. Sie sollten doch an einem Tag wie diesem wirklich genügend Leute kennen, bei denen Sie Weihnachten verbringen könnten. Statt dessen spielen Sie in einer kleinen Vorführung in einer Dorfkapelle Orgel, wenn das nichts ist, da könnte man doch sicherlich eine Geschichte von machen, oder eine Story, wie das bei Ihnen heißt!"
Das Essen ist - wie könnte es anders sein - ein Gedicht. Früh zeichnet sich ab, daß wohl nichts mehr übrig bleiben würde, für wen auch, Friede und Maja brauchen niemand anderen. Sie unterhalten sich vortrefflich, Backrezepte, Männer, die auch zu Friedes besten Zeiten offenbar nicht viel mehr Sinn für das Ganze haben erübrigen können, Heinz, der krank im Bett liegt, das aufregende Leben einer Reporterin, die alle Jubeljahre einmal wieder in ihre eigene Wohnung kommt, auch wenn es nur ist, um die Koffer zu tauschen; daß es wirklich ungünstig ist, etwas mit seinem Chef anzufangen, daß Fernsehen im Fernsehen längst nicht das ist, was die Leute glauben und daß Maja genau gesehen immer noch nicht weiß, was sie denn heute Nacht anziehen soll.
Unweigerlich zur Weihnachtszeit kommt da natürlich der Gedanke auf, mittels einer guten Fee irgendein Bettlaken in ein glitzerndes Ballkleid zu verwandeln, Kutsche, Kutscher, gläserne Schuhe - aber solche Dinge enden bekanntlich immer schon um Mitternacht, mithin erscheint diese Lösung für den vorliegenden Fall ungeeignet.
"Wir haben ja noch Zeit, uns etwas zu überlegen - je später der Abend, desto schöner die Gäste, Sie wissen doch."
"Warten Sie, ich weiß da jemanden, ..." Friede greift zum Hörer. "Frohes Weihnachtsfest, Erika! Seid ihr noch beim Essen? Und Hartmut? Sag ihm ein frohes Fest von mir! Ja, ich habe heute Abend jemanden hier, ach was, ich wäre auch so zurecht gekommen, müßt ihr euch keine Gedanken machen. - Aber um eben diesen jemand geht es, wir haben da ein Problem, wir haben nämlich kein Kleid für die Dame, für heute Abend auf unserem Ball hier im Ort, sie hat wirklich furchtbares Pech gehabt ... und da wollte ich dich fragen ... genau, ach, das wäre herrlich, du bist die Beste, Erika, das ist toll von dir, ja bis gleich, Größe? ...?" "Sechsunddreißig!" "Sechsunddreißig! Ja, bis gleich!" Friede legt auf, Maja guckt erstaunt. "Was war das denn?" "Ihr Kleid, mein Kind. Warten sie nur ab!"
Eine viertel Stunde später klopft es an der Tür, sie geht auf und ... "Hallo Erika! Das ist wirklich lieb von dir!" "Kommen sie, ziehen sie sich an, wir müssen los!" Maja steckt wieder mir nichts dir nichts in ihren Sachen und dann sind alle drei auch schon in Erikas Kombi und fahren die Straße zurück, die Maja einst gekommen ist. Sie stehen vor einem kleinen alten Haus mit einer großen Schaufensterscheibe. Schneiderei, steht darauf. Sodann stehen sie in dem kleinen Raum, große Stoffballen und allerlei Kleinzeug liegen umher. Unangezogene Leute ohne Arme und Beine stehen herum. Friede und Erika sind in ein Fachsimpeln verfallen. Sie einigen sich offensichtlich auf Schwarz. Erika verschwindet hinter einem Vorhang. "Sie werden sehen, wir haben da etwas für sie - wäre Schwarz in Ordnung? Klar, es ist ja ein Ball! ..." Maja nickt. Erika kommt mit einem weiteren Menschen ohne Gliedmaßen hereingeschoben. "Das ist von der letzten Gemeindemodenschau noch hier - ein erstklassiges Kleid und es müßte ihnen passen, mit der Figur!" Bodenlang und in weiten Falten hing es dort an der Puppe. Ein mattes Schwarz, hochgeschlossen, ärmelfrei. "Wir haben auch noch lange Handschuhe dazu, warten sie ... gefällt es ihnen etwa nicht?"
Maja ist sprachlos, das hier in diesem Dorf, ein Traum!
Der Traum ist Wirklichkeit und paßt auch noch beinahe wie angegossen. Friede und Maja beäugen kritisch die Falten, die Halspartie. An der einen oder anderen Stelle müßte doch noch fix Hand angelegt werden, man sei ja schließlich nicht irgendsoeine Dorfschneiderei, man hätte einen Ruf zu verlieren. Maja sitzt auf einem Ballen Stoff und kann das alles irgendwie noch gar nicht fassen. Es dauert nicht lange, da erweist sich eine weitere Anprobe als voller Erfolg. "Ach, wenn ich noch ihre Figur hätte", schwärmt Erika "ich würde ihnen das nicht überlassen!" Kleid nun noch eintüten und ab. Erika und Friede müssen sich ja auch noch schön machen, Friede sei schließlich die unangefochten begehrteste Witwe im ganzen Ort ...
Eine Stunde später ist es dann soweit, die Damen sind fertig. Knie klappern, Friedes sind es nicht. Maja reibt sich die Hände, steht auf dem einen, auf dem anderen Bein. Nervös? Warum? Ist doch nicht ihr erster Ball, wenn sie da an den Presseball denkt, das ist in Bonn gewesen, und hier ist doch Kleinmuckelsdorf, im Dorfgemeinschaftshaus, die Forken spielen - also bitte! Aber da ist ein Unterschied, hier kennt sie schon die meisten Leute, hier ist es herzlich und familiär, hier ist Weihnachten, hier hat man sie einfach so aufgenommen, von der Straße weg.
"Ich weiß nicht, ich glaube ich kann da nicht hin, ich gehöre hier nicht dazu und ich mache ihnen allen viel zu viele Umstände." "Reden sie keinen Unsinn, sie sind von Herrn Badtke offiziell eingeladen worden, wer von Herrn Badtke persönlich eingeladen wird, der gehört dazu, das können sie mir glauben. - Außerdem, naja, ich weiß ja nicht, wie das so in der Stadt bei ihnen ist, aber es gibt hier eine Menge ganz hervorragender Tänzer, viele sind nicht einmal verheiratet ..." Friede versetzt Maja einen freundlichen Stoß mit dem Ellenbogen. "Aber die über 60 gehören mir!"
Aus dem hell erleuchteten Haus dringen schon die Klänge der Forken. Ein langer roter Teppich ist bis an die Straße ausgerollt, zwei überlebensgroße Strohweihnachtsmänner flankieren den tannenbekränzten Eingang, viele kleine Lichter leuchten. Auf dem Dach ist sogar ein großer Scheinwerfer montiert, der in den Himmel strahlt, für den Kleinmuckelsdorfer Dorfgemeinschaftsweihnachtsball hat Hollywood Pate gestanden. Der Presseball ist nichts dagegen. Am Eingang wird die Garderobe von der Dorfjugend im Frack abgenommen. Maja muß vergnügt lächeln, Friede gibt sich ganz weltfraulich, wie gesagt, wir sind ja nicht in irgendeinem mittelmäßigen Örtchen. Der Saal und der Vorraum, in dem das Buffet aufgestellt ist, platzt aus allen Nähten, nur die Tanzfläche ist noch unbenutzt. Den Tanz eröffnet immer der Herr Ortsbürgermeister, das sei der Heinz, läßt sie sich sagen, es müsse wohl noch diskutiert werden, wer denn in strenger Einhaltung der lokalen Rangfolge dieses honorige Amt in Vertretung ausüben müsse, der Herr Pastor, der Ortsbrandmeister, oder gar die Vorsitzende des Schützenvereins? Den Vertretern des Sportvereins und des Chores werden von vornherein keine Chancen eingeräumt, sind dann auch etwas tanzfaul in den letzten Jahren gewesen.
Die Leute unterhalten sich lautstark. Jeder wird von jedem gegrüßt, hunderte Hände werden geschüttelt, da wird herumgefrötzelt, aufgezogen und derbe auf die Schultern gehauen - alle sind guter Dinge. Jedoch macht sich langsam besonders bei den Damen Unmut breit, daß die Tanzfläche immer noch nicht freigegeben ist. Ein heiteres Trüppchen versucht eigenmächtig, die hierarchischen Strukturen mißachtend, Herrn Müßigbrodt nebst Gattin auf das dunkle Parkett zu nötigen. Die honorigen Damen und Herren sehen sich daraufhin veranlaßt, besorgt um ihren Ruf, schnell zu entscheiden. Als Organisator des heutigen Abends wird Herrn Badtke die Ehre zu Teil, und kaum hat er sich in den ersten Takten des flotten Wieners gewogen, da ist es auf der Tanzfläche schon so voll, wie es vorher im Vorraum gewesen ist. Dafür ist nun der Blick auf das Buffet frei, das keine Wünsche offen läßt. Maja steht immer noch am Eingang, während Friede schon in der Menge badet: die über 60 gehören ihr ...
Maja streicht die Falten zurecht. Herr Müßigbrodt, mit rotem Kopf, kommt auf sie zugeeilt. "Was stehen sie denn hier so alleine herum, kommen sie herein, der Tanz ist eröffnet!" Er macht eine ausladende Bewegung zum Saal hin und ist auch schon wieder verschwunden, mit einer Dame in einem blauen Kleid am Arm.
Sie steckt den Kopf durch die große Tür. Jede Menge Kerzen in den Fenstern und an den Wänden, Tannenschwingen von einer Wand zur anderen gezogen, große, dunkelrote Schleifen, der ganze Raum ist üppig in volle Weihnachtsstimmung versetzt. Maja setzt sich an einen der kleinen Tische, niemand sitzt an einem Tisch, alle reden, tanzen oder belagern den Tresen. Blitzlicht. Offenbar ein Kollege von den Printmedien, Lokalreporter wahrscheinlich. Die Forken spielen zu einem Tusch auf. Alles dreht sich zur Bühne.
Ein lautes "Ho Ho Ho!" erfüllt den Raum.
"Nein ich bin´s nicht!" stellt dann der Sänger der Forken fest. "Aber der kommt jetzt!" Applaus. Ein Mann in einem roten Weihnachtsmannkostüm kommt durch den Saal und steuert auf die Bühne zu. Zwischendurch kommt die Rute zur Anwendung, die Leute zupfen schamlos am Bart des Weihnachtsmannes. Maja hat ihn schon gesehen, er ist im Auto an ihr vorbeigefahren. Tatsächlich hat er schwarze Haare. Er trägt einen großen Jutesack über der Schulter. Die großen schwarzen Stiefel stampfen auf dem hohlen Bühnenboden und dann wieder ein "Ho Ho Ho!" Eine tiefe Stimme hat der Mann, genau richtig für einen ordentlichen Weihnachtsmann. "Bei euren Kindern bin ich soeben überall gewesen und deshalb frage ich mich, warum ich noch hier bleiben soll, denn eigentlich komme ich doch nur zu den guten Menschen!" Wieder Applaus, er hat alle auf seiner Seite. "Aber der Pastor hat mich bestochen mit - naja, das müßt ihr ja nicht wissen! - Trotzdem habe ich aber auch etwas mitgebracht!" Er nimmt seinen großen Geschenkesack von den Schultern. Ganz oben auf liegt ein großes Buch. Demonstrativ setzt er sich eine Lesebrille auf und fängt an zu blättern.
"Seid ihr denn auch alle schön brav gewesen?"
Zuhause ist immer Majas Opa als Weihnachtsmann gekommen, wenn sie am ersten Feiertag bei Onkeln und Tanten die Familienfeier besuchten. Alle Kinder hatten Angst vor dem Rauschebart, vor den klobigen Stiefeln und der fiesen Rute, die auch in jedem Jahr zur Anwendung gekommen ist. Wochenlang vorher haben sie schon ihre Gedichte und Lieder auswendig gelernt, damit ja nichts schiefgehen würde. Dann aber ist der Weihnachtsmann immer der liebste Mensch gewesen, den sie gekannt haben.
Der Saal grölt "JA!" "Na, da wollen wir doch mal einen Blick in mein Buch werfen, ob das denn auch stimmt ... da, der Müller von Müllers Hof. Ist der hier?" "Ja", kommt es erwartungsvoll von hinten. "Du hast im vergangenen Jahr mit deinem Trecker den von Unser-Dorf-soll-schöner-werden preisgekrönten Vorgarten deines Nachbarn ruiniert und in mindestens einem Fall bist du vor einer Menge Augenzeugen sturzbetrunken von einer angeblichen Ortsratssitzung zu deiner lieben Frau heimgegangen!" Der Weihnachtsmann guckt strafend über seine Brille hinweg. Die Menge johlt. Müller wird nach vorne geschoben. Das Damentrüppchen, mittlerweile ein paar Glühweine fröhlicher, skandiert lautstark: "Rute! Rute!" - "Nanana, ihr kommt auch noch dran!" ermahnt der Weihnachtsmann und überreicht Müller sein Weihnachtspräsent. Er bekommt eine grüne Gärtnerschürze und dazu eine Packung alkoholfreies Bier. Unter dem Getöse der Kleinmuckelsdorfer Weihnachtsballgesellschaft verläßt er die Bühne. So geht es weiter, einer nach dem anderen kommt dran. Ein Sombrero, eine Gesichtscreme, ein Suspensorium und vieles mögliche mehr kommen noch unter den jeweils heimischen Weihnachtsbaum - und natürlich etliche Rutenschläge.
"Und da haben wir noch einen anonymen Wunschzettel an den Weihnachtsmann, Nordpol 7, ja, richtig frankiert ist er auch. Lieber, dicker Weihnachtsmann, steht da, schau´ mich nicht so böse an. Tu ich das ? Naja, schenk´ mir doch nur eins, ´nen schönen Ehemann - das wär´s! - Na, wenn es weiter nichts ist! Dieser Wunschzettel ist für, ohh, wer war das?!"
Der Weihnachtsmann ist aus seinem Konzept. "Für wen ist denn nun der Zettel?" kommt die prustende Nachfrage aus dem Publikum. "Für wen!" "Für Frau Weihnachtsmann." Der Weihnachtsmann ist bemüht, schnell diese peinliche Situation zu überspielen. Zum Tusch der zu Hilfe eilenden Forken vollführt er einen gekonnten Hüftschwung. Gegen die allgemeine Lautstärke der Fröhlichkeit und Schadenfreude versucht der Weihnachtsmann anzureden: "Einen habe ich noch!" Man ist gespannt. "Einen nicht mehr fristgerecht eingereichten Wunschzettel habe ich noch!" Er schwenkt einen großen blauen Briefumschlag.
Maja steht in der letzten Reihe und kann immer nur noch weiterlachen, das Spektakel ist einfach genial gemacht. So etwas hat sie noch nie gesehen - der Weihnachtsmann ist ein begnadeter Komödiant. Er macht spannungsvoll den Brief auf. "And the winner is - ach nein, das ist ein anderer Auftritt - also mir hat hier jemand geschrieben, auch anonym, ein durchweg liebes Kind, glaube ich, ja, das kann man so sagen, hat ein schweres Schicksal getroffen, die Arme ..."
Maja beschleicht ein mulmiges Gefühl. Friede grinst amüsiert zu ihr herüber.
Oh nein! Maja wird immer kleiner. Mit Schrecken denkt sie an den Herren, der das Suspensorium unter dem Gekreische der Menge entgegennehmen mußte. Nun auch noch das! Das nach allem, was heute schon passiert ist, das ist ungerecht, sie hat ja eigentlich gar nicht mitkommen wollen!
"Fräulein Maja, unsere Tastenfee, kommen sie, wo sind sie denn, ist sie heute gar nicht da?" Der Weihnachtsmann hält Ausschau nach ihr und dann dreht sich der gesamte Saal zu ihr um, sie steht immer noch ganz hinten, ganz klein, ganz allein. Kleinmuckelsdorf lächelt sie an. Peinlich! Zu allem Überfluß bildet die applaudierende Menge auch noch eine Gasse bis hoch zur Bühne. Friede grinst. Maja legt ein Lächeln auf, ein verkrampftes. Wer weiß, was Friede sich da ausgedacht hat. Wahrscheinlich weiß hier ohnehin schon jeder, daß der Freund weg ist, der Job, ihr Auto, das Gepäck und daß sie nur in eine Decke gehüllt Herrenbesuch in Friedes Wohnzimmer empfangen hat.
"Komm herauf zu mir, mein Kind, hab´ keine Angst, ich bin doch nur der Weihnachtsmann!" Eben, Maja denkt an ihren Opa und die Rute und die Gärtnerschürze. Zwei, drei helfende Hände packen zu und heben sie elegant auf die Bühne. Der Weihnachtsmann tut beeindruckt, welch ein holdes Frauensbild. "Wenn ich es mir recht überlege, kann man ihnen in ihrer gegenwärtigen Situation so ziemlich alles schenken - gebrauchen könnten sie wohl alles." Oh ja, der Saal weiß sehr wohl! "Und artig sind sie ja auch gewesen, das steht alles hier in meinem Buch! Aber das schönste, was ihnen dieses Dorf, in dem sie unglückseligerweise gestrandet sind, zum Geschenk machen könnte, ist ein nach langer Zeit wieder einmal glückliches Erlebnis. Und da sie ja beim Fernsehen sind und daher schon ein wenig was geboten bekommen müssen, haben wir uns ganz besonders ins Zeug gelegt, ich meine die Kleinmuckelsdorfer haben das." Dann hört er einfach auf zu reden. Maja steht da. Soll sie jetzt was sagen? Die Bewohner starren sie voller Erwartung und Freude an. Maja sagt nichts. Hinter ihr wird plötzlich geräumt. Die Forken legen ihre Instrumente beiseite. Gitarre, Baß und Keyboard werden gegen Violine, Cello und Viola getauscht. Das Licht wird noch weiter gedimmt, ein Spot geht an und erfaßt Maja. Ein "Ohh!" ertönt, als eine Lichtkugel den Raum in viele glitzernde Lichtpunkte taucht. Die Forken werden zum Kammerorchester 'Les Forces', und der Weihnachtsmann eröffnet Maja, daß ihr der erste Tanz gehöre. Das Suspensorium wäre schlimmer gewesen. Maja schwebt wieder die Bühne herunter. Erwartungsvolle Blicke. Wen nimmt sie? Friede steht abseits und freut sich heimlich, still und leise. Ehefrauen nehmen ihre vorstrebenden Männer fester an die Hand, das kleine Orchester streicht irgend etwas. Wie peinlich das alles ist. Wen soll sie denn nehmen? Und nur sie wird diese peinliche Situation auch beenden können, solange werden sie alle noch so anschauen. Aus einer Männergruppe wird einer herausgeschoben. Die Augen, die Hände, das "Laßt das!", die Stimme. Maja läuft auf ihn zu, noch so ein armer Kerl, sie erinnert sich, die Notenbücher, und greift einfach nach ihm. Zum Glück ist es zu dunkel, niemand sieht ihr knallrotes Gesicht, niemand sieht seines, er tanzt hervorragend und ist nicht über sechzig!
Maja will vergehen. Sie tanzen zu der Musik der Streicher, alles dreht sich, Augen, Hände, Stimmen, sie heiße Maja, - Wilhelm, er wäre soeben ja beinahe gestorben, aber seine Freunde..., wenn sie Friede gleich noch zu fassen bekäme - das sei heute ein verdammter Tag - ist das hier nicht wundervoll ...
Irgendwann sind sie nicht mehr allein auf der Tanzfläche. Nach Sekunden, Minuten oder Stunden steigt der Saal mit ein, lauter festliche Paare in diesem funkelnden Licht, alles ist ganz leise, Takte wiegen, was für ein Duft.
Das Lied ist zuende, der Saal ist leer, nur von der Theke dringen noch einige gesellige Töne her. Maja und Willi, so nennen ihn die, die ihn herausgeschoben haben, sind allein, die anderen sind weg, die Forken packen ihre Instrumente ein, "Wir können wirklich nicht mehr, tut uns leid, ihr zwei, vielleicht nächstes Jahr!" Sie schauen sich um, niemand da. Sie schauen sich an und müssen lachen. Willi und Maja, das sei ja komisch. Nach Schlafengehen ist beiden nicht zumute, keine Spur von Müdigkeit, vielmehr Tatendrang, Tanzen, Wärme, Augen, Hände, Stimme. Friede steht auch noch an der Theke, umringt von heiteren Über-Sechzig-Jährigen. Die steckt noch alle in die Tasche ...
Maja und Willi stehen etwas unschlüssig mitten im Raum, unter der funkelnden Kugel. Niemand mag auf Wiedersehen oder gute Nacht sagen, will auch keiner. Friede winkt im Gehen, ihre Tür würde auch den Rest der Nacht offen stehen. Nun würde er ja erst den Mut haben, doch einmal zu sagen, wie schön sie aussehe in diesem Kleid, die anderen müssen furchtbar neidisch gewesen sein, Männer wie Frauen und seine Freunde erst, die Ballprinzessin und der Willi. Sie stehen da. Sie guckt auf ihre Füße. Das Kompliment müsse sie aber unbedingt zurückgeben, nur wenige hätten sich hier eine vernünftige Fliege gebunden, und, nun ja, alles andere stimme auch, zweifellos, sie hätte wirklich Glück gehabt, heute und hier und mit ihm. Da finge man doch glatt an, wieder an den Weihnachtsmann zu glauben, und wer hätte gedacht, daß der hier ausgerechnet aus Kleinmuckelsdorf stammt.
Das sei ja wirklich alles wie im Fernsehen. Dieser ganze verrückte Tag, das könne alles gar nicht wahr sein, sie warte nur darauf, aufzuwachen und alles wäre vorbei - dessen sei sie sich aber eigentlich gar nicht mehr so sicher, vielleicht wolle sie doch nicht aufwachen. Willi schaut etwas bedrückt drein, Maja beißt sich auf die Lippen, seelische Ohrfeigen, Tritte und handfeste Schläge ins Gesicht, insbesondere auf dieses unkontrollierbare Reporterorgan. "Der letzte macht das Licht aus!" Herr Badtke geht, "Ja!" rufen Maja und Willi ihm nach. Vorsichtshalber hat Herr Badtke aber alles Licht ausgemacht, bis auf diese Kugel. Ein paar Kerzen brennen noch in den Fenstern, absolute Stille. Die Kapellenuhr schlägt, es ist zehn nach irgendwas.
"Wie wäre es mit ein paar Schritten durch unser schönes Dorf, ich bringe sie zu Friede nach hause!" "Gerne." Was für eine blöde Antwort. Er ist Kavalier - kein Zweifel, er hilft ihr in den Mantel. Sie gehen durch den Raum und pusten Kerzen aus. Schlittern über das Parkett, wer ist schneller. Kugel, Kerzen, alles aus, sie liegen lachend am Boden, Ledersohlen und Parkett eben. Drinnen ist es finster, draußen durch die großen Fenster ist das Dorf hell erleuchtet zu sehen, Weihnachtsbäume, glitzernde Fensterscheiben, alles noch viel heller als vorher. Der Schnee liegt auf den Zweigen, Mauern und Dächern - Schnee? Es hat geschneit! Er hilft ihr auf, sie rennen vor die Tür, nicht ohne das Licht zu löschen. Man wählt einen langen, einen umwegreichen Weg zu Friedes Haus - wie sollte es anders sein. Das Kriegerdenkmal der Gefallenen, der Gedenkstein der 1000-Jahr-Feier des Dorfes, alle Schmuckstücke und Sehenswürdigkeiten der Heimat des Weihnachtsmannes werden stolz der Frau aus der Stadt präsentiert, ins rechte Licht gerückt, das gußeiserne Tor zu dem kleinen Park ihr höflich und einladend geöffnet. Eine unberührte Schneedecke überzieht den Platz. Es fängt wieder an zu schneien. In immer dickeren Flocken schwingt sich das Weiß vom Himmel herab, bis es auf den dunklen Mänteln landet oder kurz vorher durch die geringste Bewegung abgelenkt wird, zu den abertausenden, die schon auf dem Boden liegen. Manch eine verfängt sich auch in den Haaren oder landet auf der Nasenspitze, wo sie kurze Zeit später zu einem Tropfen werden. Das wild anmutende Gestöber der Flocken geht vollkommen lautlos von statten, man müßte es doch eigentlich hören, irgendwie müßte man doch hören von Einverständnis, von Ärger über die Richtung, von Sichfügen, von Ergebenheit, von Wut und Entsetzen über das Unabwendbare, von Erleichterung und unerwarteten Wendungen, kann es aber nicht. Auf und nieder gehen sie alle mit dem leichten Wind, verwirbeln sich vor dem Schein der kleinen Laternen, werden umhergewirbelt, ganz ohne den geringsten Einfluß darauf, wohin es geht, sie berühren sich nicht, sie sind so leicht, so leicht ändern sie ihren Weg, ist ihr Weg zu ändern, nur eines ist sicher: irgendwann treffen sie irgendwo auf, bleiben dort liegen und werden gemeinsam etwas ganz Großes und Schönes oder vergehen, lassen einen Augenblick wohligen Kribbelns zurück, wenn sie schmelzen.
Wer denkt da noch an das, was gewesen ist, denkt an Pfützen, gestohlene Autos, Gepäck und untreue Chefs. Willi beschmeißt sie mit Schneebällen, frech und herausfordernd. Das ist schon ewig her, daß sie wie ein kleines Kind - da hat er auch einen sitzen, direkt unter das Kinn, der hat gesessen, das kann sie noch. Im Nu ist die halbe Fläche durchpflügt vom Greifen nach Munition, von Flucht und Angriff, von Stürzen und Bremsspuren, das volle Leben in diesem Weiß.
Über und über mit Schnee bedeckt, deutliche Aufschlagspuren auf den Mänteln, kalte Finger und Füße, rote Nasen und Ohren, glückliche Gesichter. Sie rollen in der Mitte der Fläche drei große Kugeln auf, ein Schneemann, ein prächtiger seiner Art. Ganz weiß und glatt, mit Nase, Armen und einem Hut aus Schnee steht er wie ein Denkmal dort. Willi räumt die eine Parkbank frei, wischt und pustet die Flocken fort, bietet den Platz an. Beide sitzen. Sind völlig außer Atem, betrachten ihr Werk. Sitzen dichter beisammen. Die Flocken fallen lautlos zu Boden, es ist ganz still, niemand sagt etwas, wozu auch. Ein glückliches Erlebnis für die gestrandete Tastenfee mit besten Wünschen vom Weihnachtsmann - das ist ihnen gelungen. Willi guckt verträumt in den Himmel, läßt die blanken Schuhe zu irgendeiner Melodie kreisen. Maja rückt vorsichtig noch ein wenig näher. "Ist Dir kalt?" Wenn er so fragt - natürlich! "Ein wenig."
Friedes Haus ist gleich hinter dem Park, man kann von hinten durch das Küchenfenster bis in das Wohnzimmer gucken. Der Baum ist hell erleuchtet, Friede hat oben noch Licht an. Ein wenig Wind kommt auf. "Hast Du das auch gehört?" Willi hört angestrengt. "Was denn?" "Da hat doch jemand gehustet oder so, im Schnee gelaufen." "Ich hab´ nichts gehört." "Da, guck doch, in Friedes Wohnzimmer, da ist doch jemand!" Ein Schatten huscht vor dem Weihnachtsbaum von der einen Seite des Zimmers auf die andere, Friede ist gleichzeitig oben zu sehen, wie sie das Licht ausmacht. "Sie hat die Haustüre auch nie abgeschlossen, das weiß jeder." Sie springen auf und rennen zu dem Haus hinüber, Willi schwingt sich über den Jägerzaun, hilft Maja mit ihrem praktischen Kleid herüber. Beide schleichen auf das Haus zu, ein fremder Wagen steht an der Straße, es liegt kein Schnee darauf. "Hoffentlich ist noch nichts passiert!" Willi öffnet leise die Tür auf, drinnen ist es hell, ein Kegel fällt auf den Weg, wieder ein leichter Wind, ein leises Husten, ein Stapfen. Sie halten inne, lauschen angestrengt. Stecken die Köpfe herein, schleichen auf Socken weiter. Die Tür zum Wohnzimmer steht offen. Kein Bild der Verwüstung. "Schau ´mal, da unter dem Baum!" Friede kommt plötzlich mit einer Kerze in einem langen, weißen Nachthemd um die Ecke. "Was kriecht ihr denn da auf dem Boden herum? Störe ich bei irgend etwas? - Ich bin eine alte Frau, ihr hättet mich zu Tode erschrecken können, es hätte wer weiß was passieren können, ich hätte euch für Einbrecher halten können, Kinder! - Von wem sind denn die Geschenke da?" "Hier war jemand im Haus, wir haben es genau gesehen!" Maja steht auf und zieht Willi an der Hand hoch, der nicht daran denkt, wieder loszulassen.
Friede grinst über das ganze Gesicht, die Kerze flackert.
"Der Teller mit den Keksen ist leer. Jedes Jahr denke ich, versuchen kann man es ja, wenn es in Amerika funktioniert, warum nicht hier. Tja Kinder, beinahe hättet ihr wohl den Weihnachtsmann verscheucht!"
Damit dreht sie sich um und geht, als wäre gar nichts geschehen. Maja und Willi stehen da und sehen sich an. Warum auch nicht, an so einem Tag!
Für die Liebhaber furchtbar romantischer Ausgänge sei hier noch hinzugefügt, daß die Geschichte genauso romantisch endet, wie man es sich vorstellen kann.

die Glocken läuten ...

In diesem Sinne eine frohe und gesegnete Weihnachtsnacht!

© Martin Böhnke 1999

©  für den Adventskalender 1999: Karl-Martin Voget