Der Weihnachtsmann bringt Dich wieder zurück Der Zug nach Weihnachten

"Entschuldigen Sie bitte, ist dieser Platz schon belegt?"
"Nein - eigentlich nicht."

Im ganzen Abteil allgemeiner Einzug: Taschen hoch und die dicken Jacken und Mäntel irgendwo dazwischen. Dezentes Platznehmen - man will ja nicht stören. Der Herr am Fenster hatte gar nicht aufgeguckt. Die Antwort war Routine; in seiner dicken Zeitung hatte er sich in Seiten mit den langen Zahlenkolonnen vertieft. Möglichst leise zerrte ich mein letztes Taschentuch aus der Packung.
Piep - piep - piep - piep - schscht. Der Zug fuhr los und meine Nase lief. Jetzt einmal kräftig in das ...
"Hey, hey, sie hat es aber erwischt!"
Unter dem Taschentuch durch gab ich zu verstehen, daß ich mir auf dem Rückweg aus dem sonnigen Süden offensichtlich eine kräftige Erkältung zugezogen hatte.
"Dann kommen Sie gerade aus dem Urlaub zurück?"
"Nein, nein - es war eher dienstlich, ..."
Trotz aller Schneuzfestigkeit wurde das Taschentuch allmählich etwas zu feucht.
"Dort drüben können Sie es loswerden", der Herr deutete nach vorn.
Die Mülleimer sind in diesen Zügen irgendwie kaum noch als solche zu erkennen.
"Sie fahren wohl nicht häufig mit der Bahn!" Jetzt unterhielt er sich nicht mehr mit seiner Zeitung, sondern schaute mich an.
"Nein, normalerweise nicht. Diesmal ging es aber nicht anders. Eine Betriebsstörung, wenn Sie so wollen!"
Da wurde der Herr vollends aufmerksam und legte seine Zeitung beiseite.
"Oh, aus welcher Branche kommen Sie denn?"
"Eigentlich aus gar keiner - wissen Sie, als ich damals anfing...", besann mich aber eines besseren "...aus der Versand - Branche!" Ich legte mein wichtigstes Gesicht auf. "Was machen Sie denn?"
"Unternehmensberatung! Grundmann mein Name!" Er schüttelte mir kräftig die Hand, wahrscheinlich im Glauben, gerade einen neuen Kunden gefunden zu haben.

Grundmann, Hans-Peter. Geboren am 11. Juli 1954,
hat als Kind immer gerne den größeren Bruder veräppelt


"Und wo wollen Sie heute noch hin?" fragte ich Herrn Grundmann. "Sie haben doch Familie, oder nicht?"
"Doch, ja. Es gibt aber noch eine dringende Sache in Flensburg zu erledigen, eine Holzfirma. Der Flieger hat ja wegen des Wetters nicht starten können, und so bin ich auf die Bahn umgestiegen - und wer weiß, wann ich jetzt ankomme. Um nach Hause zu kommen, muß ich ja auch wieder zurück nach Hamburg." Herr Grundmann drehte sich zum Fenster und stützte seinen schweren Kopf auf die rechte Hand. "Und das ausgerechnet heute!" kam es enttäuscht hervor. "Dabei sollten diese Tage doch etwas ganz besonderes sein. Meine Frau und die beiden Kinder. Wissen Sie, das ist so schon Tradition bei uns; seit sie laufen können schmücken wir alle zusammen den Baum. Von meinen Eltern haben wir noch eine handgeschnitzte Krippe, die steht immer darunter, und abends gibt es dann immer Ente. Während des Essens kommt dann in der Regel der Weihnachtsmann und die Geschenke liegen unter dem Baum..." Ein scheinbar wissendes Grinsen spannte sich von der einen Seite seines Gesichtes auf die andere. "Weihnachten, das ist für mich meine Familie erleben. Ein paar Tage wirklich zu Hause ausspannen und das alles in absoluter Harmonie!" Offensichtlich erwartete er jetzt von mir eine ebenso kräftige Zustimmung.
"Naja, das ist sicherlich eine Art, Weihnachten zu feiern. Was sollen Ihre Kinder denn bekommen - vom Weihnachtsmann meine ich?"
"Die Große eine neue Puppe, denke ich - und der Kleine, der hat von einem Videospiel gesprochen - das macht in der Regel meine Frau, wissen Sie."
Natürlich wußte ich. Draußen war es finster geworden, mitten am Tag. Die Autos hatten Licht an, damit die Fahrer besser sehen konnten, und das Innere des Zuges sah man beinahe deutlicher in der Fensterscheibe, als das, was dahinter vorbeisauste. Herr Grundmann war wieder nachdenklich geworden - oder eher: er wurde überhaupt nachdenklich.

"Sehen Sie? Genau das ist für mich Weihnachten!" Die schon etwas ältere Dame gegenüber ließ ihre beiden Stricknadeln auf die Knie sinken. Sie guckte abwechselnd zu mir und Herrn Grundmann über ihre halbrunde Brille hinweg. "Die Weihnachtszeit ist die Zeit, in der man darüber nachdenkt, was Weihnachten eigentlich ist!" Energisch klapperten zu ihrem letzten Satz schon wieder die Stricknadeln. Herr Grundmann und ich erwarteten irgendwie, daß es nun weiterginge...


Aber die Dame schwieg.
"Das ist dann schon alles?" wendete Herr Grundmann vorsichtig ein.
"Eigentlich schon, ja. Sie haben doch gerade selbst begonnen, zu überlegen, was Weihnachten bei Ihnen zu Hause ist. Offensichtlich kommen Sie nach Hause, schmücken den Baum und setzten sich an den Tisch. Sie sind über die Geschenke für Ihre Kinder genauso überrascht wie diese selbst und legen dann die Füße hoch - was macht Ihre Frau die Feiertage über?"
Ich war beeindruckt. Und das alles, ohne mit dem Stricken aufzuhören. Sie sprach aus, worüber Herr Grundmann gerade angefangen hatte, nachzudenken. Für ihn war jetzt Weihnachten, oder?

Johanna Kaddig, schon ein paar Jahre älter,
hatte schon als Kind einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Ich fühlte mich rundum wohl. Mir gegenüber war der Sitz frei, und so konnte ich meine langen Beine weit von mir strecken. An meinem Reiseziel würde mich noch eine Menge Arbeit erwarten - aber sie machte Spaß, und hier im Zug herrschte eine angenehme Stimmung. Die Leute waren voller Vorfreuden und gesunder Geschäftigkeit. Aus vielen Taschen lugten Geschenke hervor, manche schrieben Weihnachtsgrüße. Es roch nach Lebkuchen. Frau Kaddig hatte aus ihrer etwas altmodischen, aber sehr voluminösen Handtasche eine Keksdose hervorgezaubert.
"Habe ich selbst gebacken! Möchten Sie probieren?"
Herr Grundmann und ich ließen uns nicht lange bitten. Köstlich, fast wie zu Hause.
"Mmmmhmm....", schwärmte Herr Grundmann "... genau wie die von meiner Großmutter. Das hatte ich schon fast vergessen!"
Frau Kaddig war sichtlich geschmeichelt. "Sowas schmeckt auch nur zu dieser Jahreszeit!" betonte sie kauend.
"Und von Müttern oder Großmüttern muß das sein!" führte Herr Grundmann noch einmal ins Feld.
"Als ich noch klein war, hat meine Mutter die Lebkuchen noch in einem holzbefeuerten Ofen gebacken. Die Küche war der einzige warme Raum in unserer kleinen Wohnung. Eisblumen waren in den Fenstern, und meine Eltern hatten Mühe gehabt, die Zutaten für die Lebkuchen zusammenzubekommen. - Geschenke. - Geschenke am Heilig Abend ..."
Frau Kaddig hatte ihre Strickfrequenz reduziert und erzählte warm und herzlich.


"Wenn wir dann die zu klein gewordenen Schuhe der großen Schwester bekommen hatten oder ein Paar Handschuhe - das war die Bescherung. Trotzdem, ich weiß nicht, wir hatten mehr, als man heute an Weihnachten hat." Sie guckte fragend in unsere kleine Runde.
"Sie haben bekommen, was sie am nötigsten zum Wohlfühlen brauchten, im Alltag. Etwas anderes hätten Sie sich gar nicht gewünscht. Mein Sohn braucht gewiß kein neues Videospiel mehr!" Herr Grundmann war sicherlich sehr erfolgreich in seiner Branche. "Zu dem, was Sie nötig brauchten, bekamen Sie dazu die Möglichkeit, über das nachzudenken und sich darüber zu freuen, was sie hatten - und nicht über das, was sie nicht hatten."
Sie guckten mich beide an, man war sich einig. Wir waren froh, eine Erklärung gefunden zu haben.
"Was sollte er also seinem Sohn schenken?" fragte Frau Kaddig.
Tja, bisher war es Theorie, hörte sich gut an.
"Etwas, das er nötig braucht, und was ihn sich freuen läßt, über die Dinge, die er schon hat, oder?" Herr Grundmann blickte uns nun etwas hilflos an. Jaja, theoretisch gesehen ... !

Der Zug hatte gehalten. Aussteigen, Einsteigen, wieder allgemeiner Einzug.
"Ist der Platz noch frei?"
"Ja", sagten wir alle drei, etwas entrückt.
Sogleich schwang der junge Mann seine Taschen hinauf und nahm Platz. Frau Kaddig hatte noch gerade rechtzeitig ihr Strickzeug wegnehmen können. Nun war die Runde um den kleinen Tisch, auf dem immer noch die Dose mit den Lebkuchen stand, vollzählig. Er band sich seine langen blonden Haare zusammen und schlug ein Buch auf, lächelte uns noch einmal an und vertiefte sich in seine Zeilen.

Max Kuhlmann, gerade achtzehn Jahre alt,
als Kind - und immer noch - ein Schlingel.

"Also, was nun?" Frau Kaddig gab nicht nach.
"Was braucht er denn am nötigsten, Herr Grundmann?" fragte ich.
"Er hat alles, denke ich. Wahrscheinlich sogar zu viel!"
Man wog die verschiedensten Dinge voreinander ab. Lernspiele, naturbelassenes Holzspielzeug, eine Mundorgel. Die Praxis erschien schwieriger als gedacht.

"Nehmen Sie ihm doch etwas weg!"  


Der junge Mann hatte sich eingeschaltet. Unverhofft. Wer hätte das von ihm gedacht.
"Wie bitte?" Frau Kaddig hakte nach.
"Sie wollen ihm etwas geben, das ihn anhält, sich über andere Dinge zu freuen, die er schon hat. Das habe ich doch richtig verstanden?"
Nicken.
"Dann betrachten Sie das Geben einfach als negative Größe und nehmen Sie ihm etwas weg. Dann kann er sich über das freuen, was er noch hat. Er hat ja ohnehin zuviel!"
Herr Grundmann bemerkte als erster: "Klingt logisch!" Er konnte eben nicht aus seiner Haut, und Max war wirklich ein Schlingel.
"Wegnehmen ist nicht weihnachtlich!" meinte ich dazu.
Demonstrativ nahm Frau Kaddig wieder das Strickzeug auf: "Das würden Sie doch wohl auch nicht wollen, junger Mann!" Das klang schon fast streng.
"War ja nur theoretisch gemeint!" wehrte er ab. "Obwohl es natürlich stimmt!"
Frau Kaddig ließ wieder von den Nadeln ab. "Es wird viel zu viel gekauft. Lauter Unsinn und mülliges Zeug. Alles schön bunt verpackt - Weihnachten mit Kreditkarte. Nehmen sie sich einen Lebkuchen, junger Mann!"
"Oh ja, gerne! Moment mal..." Er kramte in einer seiner Taschen und förderte eine beachtliche Thermoskanne zu Tage. "Weihnachtstee!" verkündete er stolz und stellte Becher dazu.
"Herrlich! Das fehlte noch!" Herr Grundmann übernahm den Ausschank. Unsere kleine Runde duftete durch das ganze Großraumabteil.
"Man schenkt eben keine altgedienten Sachen mehr weiter. Neu ist das Geschenk von heute und in der Regel nichts Lebenswichtiges. Es darf ruhig etwas teurer sein, dann bekommt man beim nächsten Geburtstag eben etwas weniger, naja." Max kaute weiter.
"Dann ist Schenken heute also auch nicht mehr weihnachtlich - fast wie das Wegnehmen. Es sind Konsumgüter, die für den Moment ganz schön und wichtig sind, aber einem weiter nichts geben als den bloßen Besitz an einer Sache, weil man ja auch noch so viel anderes hat!" resümierte Herr Grundmann.
"Ganz so schlimm ist es ja auch wieder nicht, aber im Kern ist schon etwas Wahres daran", meinte Frau Kaddig. "Zum Beispiel haben wir an Heilig Abend nach der Bescherung noch Weihnachtslieder gesungen, Gedichte aufgesagt. Ein paar Kerzen brannten, ansonsten war es dunkel. Tanne, Lebkuchen, Äpfel und Nüsse dufteten. Still war es, ganz still. Dann leises Singen, von nebenan vielleicht - das war himmlisch, das vergesse ich nie!"


"Das hört sich schön an!" brach der junge Mann das bewundernde Schweigen. "Zu Hause habe ich das aber auch nicht mehr. Meine Familie und Singen - grausame Vorstellung! Das wäre ja schon beinahe peinlich, Gedichte aufsagen! Ich glaube, das würde lächerlich werden."
Wir lachten auch.
Herr Grundmann kramte in seinem Sakko. Er zog ein paar Servietten hervor, mit goldenen Sternen darauf. "Das ist noch von unserer Adventsfeier im Büro. Das fiel mir gerade so ein. Meine Frau dekoriert auch immer im ganzen Haus mit Gestecken, Kränzen und Kerzen. Das duftet dann auch so nach Weihnachten, beinahe wie in Ihrer Kindheit. Auch wenn diese getragene Stimmung nicht gleich dabei aufkommt." Er verteilte sie unter den Bechern und der Dose, so als Tischdecke.
"Stimmung ist also auch wichtig für Weihnachten. Das Drumherum muß stimmen. Plätzchen, Kerzen, Tanne, weihnachtliche Motive - und natürlich Klänge. 'White Christmas' im Radio, Glockenklingeln, ..." Herr Grundmann war ganz verzückt.
"Das hört sich ja alles ganz schön an, aber: Was ist denn dann Weihnachten? Wenn alles, was riecht, schön aussieht und klingt nur schmückendes Beiwerk ist, das Drumherum eben, und Geschenke doch eher Probleme bei der ganzen Sache machen und den Beschenkten, naja, irgendwie etwas von Weihnachten wegnehmen."
Frau Kaddig ließ entsetzt ihr Strickzeug fallen.
Was war nun Weihnachten? Alle blickten stumm um den ganzen Tisch herum.

"Ich finde, Weihnachten verändert die Menschen für ein paar Wochen oder Tage. Sie gehen anders miteinander um - freundlicher und irgendwie menschlicher. Offen - für viele Dinge."
Allgemeiner Schwenk auf die andere Seite. Eine Frau saß da mit zwei kleinen Kindern, die gerade schliefen. Unerwartet hatte sie sich in unseren kleinen weihnachts-philosophischen Kreis eingeklinkt.
"Es geht eben nicht nur um Sachen, sondern besonders um die Menschen - Weihnachten ist, was ich daraus mache!"
Ein neuer Aspekt, zweifellos. Die Runde nickte, man befaßte sich mit der neuen Situation. Weihnachten muß man also machen. Gibt es dann einen Weihnachtsmenschen und einen Wenn-gerade-nicht-Weihnachten-ist-Menschen in uns? Diese Richtung der Diskussion gefiel mir persönlich nun wesentlich besser!

Regina Schulze, 28 Jahre alt, zwei Kinder.
Braves Kind.


"Wo ist nun also die Beziehung zwischen Mensch und Weihnachten? Da müßten wir noch einmal von vorne beginnen!" Herr Grundmann hatte wieder seinen Konferenzton.
Indes steuerte die Frau mit den beiden Kindern zu unserem Tisch noch zwei kleine Gestecke mit Kerzen bei, die sie auf einem Weihnachtsmarkt erstanden und für deren Einsatz sie sich nun entschlossen hatte. Die beiden Flammen wurden entzündet und Andacht trat ein.

"Möchten Sie ein Stück Lebkuchen?"
"Weihnachtstee?"
"Eine Serviette vielleicht?"

"Also, an Heilig Abend ist meine Familie in der Regel unter sich. Da gibt es einen genauen Ablaufplan. Essen, Baum, Kamin und so was. Dann kommen wir alle im Wohnzimmer zusammen, alle haben die Geschenke für die anderen irgendwann unbemerkt mit dazugelegt. Dann ist großes Auspacken und Freuen und Umarmen angesagt, immer mit einem Auge in Richtung Essen. Vorher essen hätte aber auch keinen Sinn, man war ja auch mal kleiner und ungeduldiger. An den Weihnachtstagen werden dann die Leute besucht, die man sonst nie sieht und mit denen man irgendwie verwandt ist - also, so ist das bei uns."
"Was macht Ihr denn, damit Weihnachten sozusagen eintritt?" Frau Kaddig stellte diese Frage direkt an den jungen Mann.
"Das Äußerliche, das Drumherum ist natürlich irgendwie schon da, naja, und ich ... das sind die verschiedensten Dinge. Geheimnisse gehören auf jeden Fall dazu, wem verrät man was über ein Geschenk für einen anderen. Dann die Vorfreude auf das Gefühl, das man hat, wenn sich der andere freut - über das, was er bekommen hat."
"Das ist wichtig!" warf ich ein. "Die Freude daran, anderen eine Freude zu machen und gemacht zu haben."
"Weihnachten ist es auch nicht ganz so schwer, etwas wegzugeben. Deshalb wird ja auch so viel gespendet, Kleidung, Geld, Spielsachen. Überall Aktionen, Hilfe hierfür und dafür - und besonders für Kinder!"
Die junge Frau schaute auf ihre beiden.
"Ja, Weihnachten ist besonders ein Fest für Kinder - schließlich ging es ja auch um ein Kind. Kinder und arme Menschen, arm in welcher Hinsicht auch immer, um diese Leute geht es an Weihnachten. Denen wird dann mehr geholfen als sonst im Jahr - oder es wird überhaupt an sie gedacht!"
Frau Kaddig klang sogar ein wenig empört. "Das ist wie mit den aufgetragenen Schuhen meiner Schwester."


Unverständnis.

Wie kam sie nun darauf?

"Nun, sehen Sie: Weihnachten wird alles das wichtig oder überhaupt bemerkt, was sonst und normalerweise niemanden beschäftigt hätte - wie die aufgetragenen Schuhe meiner Schwester eben!"
"Aber Sie hätten sich doch auch über die Schuhe gefreut, wenn nicht Weihnachten gewesen wäre, oder?" warf der junge Mann ein. "Daß man sich über Dinge freute, über die sich sonst oder eben heute niemand mehr freuen würde, hatte ja nichts mit Weihnachten zu tun, sondern damit, daß einfach Not da war!"

Was jetzt?!

Zögern.

"Hatte Frau Kaddig dann damals auch kein richtiges Weihnachten?" Die junge Frau sprach aus, was keiner zu sagen gewagt hatte.

Jetzt sprachen alle durcheinander. Unwissen. Alles war in Zweifel gestellt, selbst der Zweifel selbst. War Weihnachten überhaupt real? Ist es nur Einbildung, daß Weihnachten ist? Wird uns von geldgierigen oder bewußtseinsbeherrschungswilligen Fremden eingeredet, an Weihnachten sei alles anders? Ist das überhaupt alles rational? Angst mischte sich in dieses heillose Chaos.

Was sollte ich davon nun halten - Weihnachten mit tausend Fragezeichen. Von den persönlichen Konsequenzen will ich gar nicht erst anfangen. Weihnachten ist offenbar zu etwas Fremdem geworden. Es ist nicht greifbar, man kann es auch nirgendwo erahnen. Trotzdem ist es doch in aller Munde, man weiß, was Weihnachten scheinbar nicht ist.
Dann kann es doch so schwer nicht sein herauszufinden, was es ist.

Das Durcheinander hielt an.

"Ach entschuldigen Sie mich bitte für einen Moment!" Ich stand auf, denn die Natur verlangte ihr Recht, der Zeitpunkt war natürlich denkbar ungünstig in dieser prekären Situation. Weit war der Weg nicht, den ich gehen wollte, doch voller Tücken wie Koffern, Taschen, Mänteln und Reiseproviant. Der reinste Hindernislauf. Endlich angekommen, stand ich vor verschlossener Tür. Eine Dame, die gerade aus der anderen Richtung auf mich zukam, sagte mir: "Da können sie lange warten, die ist wahrscheinlich defekt. Da geht keiner hinein und keiner heraus. Ich bin auch in den nächsten Wagen gegangen!" Also noch mehr Gepäck umrunden und übersteigen.

Zurück an meinem Platz hatte sich schon wieder Einiges getan. Das Durcheinander war höchster Konzentration gewichen. Herr Grundmann hatte seine Konferenzfähigkeiten aktiviert.


Man wollte Weihnachten nicht einfach so aufgeben. Daher hatte man sich entschlossen, alle Aspekte noch einmal geordnet zu durchleuchten. Als ich mich setzte, waren sie gerade dabei, eine Art Themenkatalog aufzustellen. Zunächst sollte gesammelt werden, was an Weihnachten nun eigentlich anders war, als zu den anderen Zeiten im Jahr.

"Ich finde, wir sollten bei den Leuten anfangen - da gibt es dann ja auch den Unterschied, was zu Hause geschieht und draußen in den Geschäften, Büros und Vereinen. Adventsfeiern und weihnachtliches Getue hat man ja an jeder Ecke!" Die junge Frau hatte den Anfang gemacht.
"Alle arbeiten auf ein Ziel hin - Weihnachten eben! Man bemüht sich, alles herauszuputzen. Es wird geschmückt, und schon das Auspacken der Decken und Gestecke aus dem letzten Jahr ist die reine Freude. Lichter kommen in die Fenster und an den kleinen Tannenbaum vor dem Haus. Geschenke werden ausgesucht und verpackt. Da ist dann auch wieder die Vorfreude auf die Freude der anderen. Man macht es sich gemütlicher als sonst, Herr Grundmann hatte das schon gesagt, Harmonie soll entstehen. Also auch wenn es mehr Arbeit ist, es geht um Freude, Licht und Harmonie."
"Genau, der Lichtaspekt. Winter ist ja eine kalte und dunkle Jahreszeit. Schmuddelig und dreckig. Da ist es dann wichtig, einen Kontrast dazu zu haben. Übrigens fehlt bei dem Ganzen dann noch die Wärme!"

Draußen war es nun wirklich dunkel. Tee wurde wieder ausgeschenkt, die Lebkuchendose kreiste und das Licht der Kerzen flackerte auf unseren Gesichtern.

Frau Kaddig griff das letzte Wort wieder auf: "Wärme. Das ist körperliche Wärme im Haus, mit Tee vielleicht oder Kakao. Es ist aber auch Gemütswärme. Warme Herzen, sozusagen. Viele Leute gehen spenden, wie sie schon sagten, daran ist auch nichts zu rütteln - das ist so. Das ist auch etwas unbestreitbar Gutes, denke ich, ohne einen anderen schlechten Hintergedanken dabei!"
Der junge Mann machte weiter: "Es wird mehr gegeben, weil alles um einen herum auch so ist und es so tut. Dann kommt vielleicht auch noch ein schlechtes Gewissen dazu, weil man sonst ja nie etwas gegeben hat, und dann stört es einen plötzlich, mehr zu haben als andere."


"Das ist wohl nicht von der Hand zu weisen, daß offenbar erst Weihnachten werden muß, damit die Leute etwas von der Armut und Hilflosigkeit anderer mitbekommen. Aber was dabei zählt, finde ich, ist doch eigentlich, daß geholfen und gegrübelt wird. Und das passiert ja auch nicht aus Zwang, sondern bei jedem von uns kommt Weihnachten ganz von alleine. Ich denke fast, daß jeder diese Zeit irgendwie braucht, so einmal im Jahr. Natürlich ist sie hektisch und oft doch schon sehr befremdlich, diese Zeit, aber man kommt eben doch dazu, sich ein paar Gedanken hinzugeben ..."
Da wurde ich von der jungen Frau unterbrochen: "Und das ist der Punkt, an dem sich entscheidet - und zwar für jeden von uns selbst - was Weihnachten ist. Ich kann mir eine Menge Gedanken machen und mich so vielen Gefühlen hingeben, wenn ich Geschenke einpacke und aussuche, Karten schreibe oder bei der Aufführung eines Krippenspieles mithelfe; genausogut kann ich es aber auch lassen, ein Videospiel verschenken, zweizeilige Grüße versenden und mich zu Hause so um gar nichts anderes kümmern als um mich selbst. Diese Leute haben dann gar nichts von Weihnachten - nur Äußerlichkeiten."
"Es ist natürlich auch schwer, den Reizen und Angeboten zu widerstehen, die um uns herum mit allen erdenklichen Sinnesreizen um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Weihnachten ist natürlich auch ein Geschäft, verführt dazu, die gesamte Glitzerwelt einzukaufen und darüber alles andere einfach zu vergessen, was Weihnachten eben noch alles sein kann." Herrn Grundmann ging offenbar eine Menge im Kopf herum. "Wissen sie", sagte er mit gesenktem Kopf, "das ist bei mir doch genauso. Tagein, tagaus reise ich nur mit Telefon und Computer durch die Gegend, und wenn ich dann nach Hause komme, bringe ich meinen Kindern und meiner Frau irgend etwas mit, nur um etwas mitzubringen. Und wenn das dann irgendwo ganz groß angepriesen wird, als das, was das Kind heute haben muß, dann wird das ja wohl schon stimmen. Aufwendig ist es, teuer und brandneu. Und nicht einmal zu Weihnachten weiß ich, was meine Kinder geschenkt bekommen - geschweige denn sich wünschen! Und da muß man erst ein Flugzeug verpassen, um mit der Nase darauf gestoßen zu werden."


Daß diese ganze Diskussion Herrn Grundmann recht nahe ging, habe ich ja schon von Anfang an gewußt, aber jetzt so offen, vor allen anderen hier ... diese anderen jedenfalls schwiegen betroffen. Frau Kaddig zog ein Taschentuch aus ihrer Tasche - ganz unauffällig. Der junge Mann kaute an einem Lebkuchen, und die junge Frau betrachtete ihre schlafenden Kinder.

"Entschuldigen Sie bitte, ich habe ihnen die ganze Zeit schon zugehört und wollte sagen, daß Weihnachten eben gerade eine schwermütige Zeit sein kann - wie jetzt in diesem Augenblick. Und das ist auch etwas Schönes!"

Sylvia Bach, 26 Jahre alt,
hatte immer schon Erfolg mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit

Sie hatte sich zu uns umgedreht und jetzt auf ihrem großen Rucksack im Gang Platz genommen.
"Ach übrigens - ich heiße Sylvia!" lächelte sie uns entgegen. Tee und Lebkuchen wurden hinübergeschoben - eine Serviette bekam sie natürlich auch.

"Schwermütig ist Weihnachten besonders dann, wenn man alleine ist oder alleingelassen wird - das ist wohl viel schlimmer. Wieviele Menschen müssen Weihnachten wohl vor dem Fernseher feiern, vielleicht sogar auf der Straße und überall zusehen, wie die anderen mit der Familie oder Freunden feiern. Nach Weihnachten schlägt man dann die Zeitung auf und fragt sich, warum sich so viele über Weihnachten das Leben genommen haben."

Frau Kaddig fuhr fort: "Dahin kommen wir offenbar immer wieder zurück. Weihnachten beschäftige wir uns mit unseren Gefühlen, da denken wir über den anderen nach und darüber, was wir falsch gemacht haben. Und dann ist Weihnachten genau der richtige Tag, um alles wieder gut zu machen. Beiden Seiten fällt es da viel leichter als sonst. Wer würde Weihnachten schon eine Entschuldigung ablehnen?"
"Ja, man kann neu beginnen mit sich und den anderen - und das gibt dann auch diese einmalige Stimmung, wie im Film. Davon gibt es ja genug, die sich um Weihnachten drehen. So etwas wie 'Schlaflos in Seattle' zum Beispiel. Zum Dahinschmelzen ...", die junge Frau schmolz.

Es hatte uns voll erwischt - alle saßen wir in unserer schwärmerischsten Pose da und schwelgten - ich natürlich auch, denn ich war erleichtert, daß es sowas noch gab!


Diese ganze Szene war überhaupt einmalig: Sechs Menschen, so unterschiedlich wie sie nur sein könnten, sitzen in einem Zug bei höchst adventlicher Stimmung beieinander und diskutieren das Phänomen Weihnachten. Den Themenkatalog hatten wir natürlich längst schon wieder über den Haufen geworfen und wissenschaftlich waren die Beiträge auch nicht, vielmehr richtig hausbacken, wie Spritzgebäck oder eben Frau Kaddigs Lebkuchen ...

"Die alten Weihnachtslieder geben diese Stimmung auch ganz toll wieder. So getragen und etwas schwermütig eben. So wie 'Stille Nacht' oder 'O du fröhliche'!" In unseren Köpfen sang es nun auch noch.

Frau Kaddig sprach als erste ihre Gedanken aus: "Wissen sie, das erinnert mich an letztes Jahr Weihnachten. Eine haarsträubende Geschichte war das. Mein Mann war ein Weihnachtsmann und hatte meinen Chef kennengelernt - ich arbeite als Hausdame - und die Probleme in dieser Familie ... Auf jeden Fall löste sich das alles in Wohlgefallen auf an Heilig Abend. Diese Weihnachtsatmosphäre läßt eben niemanden los, der wirklich bemüht ist, alles wieder ins Lot zu bringen. Und sie, Herr Grundmann, sie schaffen das auch, da bin ich mir ganz sicher!" Bestimmt nahm sie dazu seine Hände. Die schweren Gemüter hatten sich erleichtert, man ließ die Kanne wieder herumgehen. Frau Kaddig nahm auch vergnügt wieder die Stricknadeln in die Hand. Der junge Mann fragte in unsere Runde: "Ist das Weihnachten?"

Ich fand es ja die ganze Zeit schon weihnachtlich hier, aber konnten sechs sich vollkommen Fremde zusammen in einem Zug Weihnachten machen? Weihnachten muß gemacht werden, hatten wir ja schon festgestellt, oder? Insofern also ...-

"He sie, machen sie die Tür auf!"
Jemand klopfte energisch gegen eine Tür.
"Aufmachen, sagte ich!"
Das ganz Abteil guckte mehr oder weniger erschrocken nach vorn, wo zwei Schaffner vor der Toilettentür standen und offensichtlich jemanden darin zum Aufmachen bewegen wollten.
Scheinbar war sie also doch nicht defekt.

Alles war mucksmäuschenstill.

Antwortete jemand?

"So machen sie doch auf!"
Wieder dieses Hämmern.

Drinnen blieb es aber still!


Sie wollten den Zugführer hinzuholen.

"Ja, was soll denn das?" ärgerte sich Sylvia. "Ich würde auch nicht aufmachen, wenn jemand wie wild gegen die Tür bollert!"
"Der oder diejenige ist da aber auch schon sehr lange drin", gab Herr Grundmann zu bedenken.
Frau Kaddig strickte weiter. "Vielleicht ist ja jemandem schlecht geworden - dann könnte man aber auch herausrufen, daß alles in Ordnung ist, oder?"
Was sollte man nun davon halten?
Der Zugführer kam hinzu: "Hören sie, wir müssen die Tür öffnen, wenn sie es nicht tun!"
Alle lauschten - es rührte sich aber nichts auf der Toilette.
Der Herr Zugführer holte seine Schlüssel hervor, vergewisserte sich, daß seine beiden Kollegen derselben Meinung waren und schloß auf!

Sehen konnte niemand etwas, nur hören.

"Ich möchte doch nur zu meiner Tochter", kam es leise aus dem kleinen Raum. Man schaute sich betroffen an. Es war eine ältere Männerstimme gewesen. "Ich muß heute doch zu ihr!" Jetzt sahen wir ihn auch. Etwas heruntergekommen war er ja schon. Unrasiert, lange Haare, aufgetragene Sachen hatte er an.
"Haben sie eine Fahrkarte?" fragte der Zugführer gleich als erstes.
"Nein", gestand der Mann.
Das hatten alle irgendwie befürchtet.
"In diesem Fall müssen Sie am nächsten Bahnhof aussteigen! Wie heißen sie?" Der Zugführer holte seinen Block hervor. Der Mann konnte das alles scheinbar gar nicht verstehen. Er stand immer nur - brav die Fragen beantwortend - daneben und murmelte immer wieder etwas von seiner Tochter.

Müller, Walter. 63 Jahre alt,
als Kind immer schon etwas schwierig gewesen

Der Zugführer wies ihm einen Platz direkt neben unserer jungen Frau zu und verschwand mit Amtsmiene.

Er sah niemanden an und sagte nichts. Den Kopf hielt er gesenkt.
"Bleiben sie hier sitzen, bis der Zug wieder hält!" meinte noch einer der Schaffner.

Hmmm.

Wie sollte es nun weitergehen?

Keiner sagte etwas.
Der junge Mann goß Tee in einen Becher. "Möchten sie etwas Tee?" fragte er und schob den Becher zu dem Mann hinüber.
Alle warteten gespannt auf eine Reaktion.
Aber er reagierte nicht.
"Was sollen wir denn jetzt tun?" flüsterte Frau Kaddig.
Achselzucken.
Der Zug würde in 40 Minuten wieder anhalten.
"Wir können es doch nicht zulassen, daß sie ihn so einfach aus dem Zug schmeißen!" meinte Sylvia.


"Schließlich ist heute Weihnachten - das geht nicht!" Auch Herr Grundmann war dieser Meinung. Aber was sollten wir tun und warum sagte er nichts?

"Hören Sie, mein Herr, wir werden Ihnen helfen, aber vielleicht sollten Sie uns etwas sagen?!" Frau Kaddig hatte die Sache damit in die Hand genommen. "Nun trinken Sie ersteinmal einen Schluck Tee, dann bekommen wir alles wieder hin!"
Er blickte vorsichtig auf, nahm den Becher und schloß beim Trinken die Augen.
Vorsichtige Erleichterung.
"Wie heißen Sie denn?" fuhr sie fort.
"Mein Name ist Walter Müller," antwortete der Mann zurückhaltend und trank wieder einen Schluck.
Die junge Frau schob ihm demonstrativ und mit anbietender Geste die Lebkuchendose hin und Herr Grundmann ebenso eine seiner Servietten.
Das Kerzenlicht schien warm in Walter Müllers feuchten Augen wider.
Nun waren alle sichtlich gespannt: Was würde er sagen? Wen würde er ansehen? Dachte er überhaupt etwas? - Ach, ist das aufregend!

Eine gewisse Verzückung oder Verschmitztheit kann ich auch meinerseits nicht abstreiten. Wäre das alles eigentlich nicht so ernst, wäre diese Sache hier geradezu komisch. Die sechs Weihnachtsforscher verharren mit allen zwölf Augen und Ohren auf diesen - ja, auf jeden Fall interessanten geknickten Mann.

"So spannen sie uns doch nicht so auf die Folter, Herr Müller!" Frau Kaddig ertrug die Spannung nicht.
"Was ist mit ihrer Tochter und warum schließen sie sich deshalb auf dem Klo ein ...", setzte Sylvia gleich nach "... wenn man fragen darf."
"Das ist jetzt doch ohnehin alles egal, am nächsten Bahnhof muß ich aussteigen und dann ist alles so, wie es wahrscheinlich auch sein soll!"
Da, er hatte etwas gesagt!
"Nun mal nicht gleich den Kopf so hängen lassen!" sagte ich, "Wir werden Ihnen helfen!"
"Und wie?" fragte er skeptisch.
"Nun ja, wir werden das schon ...irgendwie ...wäre ja gelacht, wenn wir ... nicht wahr?"

"Nun erzählen sie doch schon - und zwar von Anfang an!" rettete mich Herr Grundmann. Dabei wollte ich nur ein bißchen praktisch sein.
"Na gut, was soll's. - Ich habe eine Tochter, Anna, die wohnt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Flensburg. Das habe ich aus der Zeitung erfahren, ..." Herr Müller holte ein beanspruchtes Stück Papier aus einem kleinen Buch in seiner, naja, Jackentasche.


Er gab den Zeitungsausschnitt zuerst der jungen Frau.
"Sehen sie? Die da ist es! Hübsch sieht sie aus, nicht wahr?" Es deutete auf die Frau, die neben dem Oberbürgermeister und einem gerade ausgezeichneten Polizisten stand. "Ihr Mann ist der Polizist und den hat man wegen besonderer Leistung bei der Aufklärung dieser Entführung ausgezeichnet, war doch in allen Zeitungen damals!"
"Soll das heißen, daß Sie nicht wußten - vor diesem Zeitungsartikel -, daß ihre Tochter verheiratet ist, Kinder hat und dort in Flensburg wohnt?" fragte der junge Mann unverstehend.
"Ja. Das letzte Mal, als ich sie gesehen habe, war sie achtzehn Jahre alt und ist auf und davon. Das ist jetzt schon 25 Jahre her."
"Um Himmels Willen - eine halbe Ewigkeit. Warum denn?" Frau Kaddig war sichtlich berührt.
"Es war Weihnachten, genau vor 25 Jahren und, na ja, ich hatte mit meiner Firma Konkurs gemacht, und dieses Fest lief irgendwie unglücklich ab, ich hatte wohl auch getrunken - eines kam zum anderen, und sie ging. Ich habe jahrelang nach ihr gesucht, aber wer nicht gefunden werden will, den findet man auch nicht, wissen Sie?!" Wieder nahm er einen Schluck Tee.
"Die vergangenen 24 Heiligen Abende müssen ja fürchterlich gewesen sein! - Und ihre Frau?" Sylvia verstand das alles nicht ganz.
"Meine Frau - die ist schon noch länger nicht mehr da. Anna hat sie auch gar nicht mehr richtig gekannt. Und Weihnachten, herrje, davon kann ich mir nichts kaufen. Mit wem und warum?"
Gleichzeitig Verstehen und Unverständnis. Ein Mann mindestens 24 Jahre ohne Weihnachten.
"Sie haben sie also nicht finden können und haben dann diesen Artikel in der Zeitung entdeckt - aber der ist ja schon fünf Jahre alt!" Frau Kaddig hielt den Artikel weit von sich, um besser lesen zu können.
"Ich hatte eben keinen Mut, sie anzurufen, oder ihr zu schreiben - ich kenne sie ja gar nicht mehr - und dann ihr Mann, zwei erwachsene Kinder..."
"Trotzdem wollen sie nun zu ihr - und sogar persönlich!" Sylvia guckte fragend.
"Na ja, ich hatte mir vor zwei Wochen allen Mut zusammen genommen und wollte anrufen. Und dann hat da jemand abgenommen - eines der Kinder nehme ich an - und meinte, nein, sie wäre nicht da, sie seien wegen des Umzuges nach Vancouver unterwegs. - Kann ich noch einen Lebkuchen haben, bitte?"

Irgend jemand schob ihm schnell die Dose hinüber.
"Er hat eine Stellung in Kanada, ich weiß nicht wie als Polizist, aber sie ziehen um - nach Kanada. 25 Jahre bin ich nicht von München nach Flensburg gekommen, wie soll ich denn nach Kanada?"
Das leuchtete ein.
Seine Stimme schwankte. "Außerdem sollten sie wohl noch heute Nacht fliegen - ich hatte also keine Wahl, und sehen sie mich doch an, Geld für eine Fahrt quer durch Deutschland auch nicht."
Wieder betroffenes Schweigen.
Er kaute an dem Lebkuchen.
Hatte nicht irgend jemand vorher von Filmen erzählt, von Weihnachten - Dramen und Dahinschmelzen? Ich glaube, so etwas war hier im Begriff, zu beginnen.
Herr Grundmann wirkte irgendwie nervös, Frau Kaddig schüttelte nur immer wieder den Kopf.
Die junge Frau stellte fest: "Sie müssen nach Flensburg - keine Frage!"
Allgemeine Zustimmung, aber nicht nur in unserer Runde, nein, vielmehr das ganze Abteil, alle hatten sie still zugehört, von ihren Zeitungen, Weihnachtsgrüßen und Videospielen abgelassen, gelauscht.
"Als erstes brauchen wir eine Fahrkarte für Herrn Müller! Und die Gebühr für die, na ja, Schwarz-Fahrt. So wie der Zugführer aussah, war ihm nicht sonderlich weihnachtlich zumute!" Frau Kaddig dachte wie immer praktisch.
Herr Grundmann stand erst zögernd, dann aber entschlossen auf: "Entschuldigen sie bitte!" er räusperte sich gekonnt, "Sie haben doch alle mitbekommen, um was es hier geht, oder? Wenn nun also jeder, sagen wir eine Mark..."
Der Rest ging schon im allgemeinen Kramen und Klimpern unter. Etwas Wundervolles geschah jetzt. Herr Grundmann blickte uns alle strahlend an und wir blickten mindestens so strahlend zurück. Frau Kaddig kramte wieder nach ihrem Taschentuch. Eigentlich war es doch so klein und unbedeutend, diese eine Mark und die paar Leute. Aber hatten sie nicht alle Anteil genommen? Sie machten sich Gedanken über andere, sie taten etwas, sie waren hier alle zusammen. Der junge Man saß am Gang und sammelte das ganze Geld - nicht nur hartes. Die anderen saßen gespannt und mit einem, ja, Bescherungsgesicht vor dem Treiben.
Herrn Müller traten Tränen in die Augen.
"Danke!" und "Für mich? Vielen Dank!" sagte er immer wieder.

War ich zufrieden!


"Das können sie doch nicht machen!" entrüstete sich ein Herr, der auf dem Gang stand.
"Nicht heute!" sagte eine andere.
Und wieder jemand anderes: "Schließlich bezahlen wir ja alles!"
Ein Schaffner kam dazu, er mahnte zur Eile, der Zug stünde schon zu lange im Bahnhof.
"Tut mir leid!" sagte der Zugführer und drehte sich zum Gehen. Man wollte sich die Stimmung nicht verderben lassen, aber nun war es zu weit gekommen. Soviel Sturheit! In den Köpfen der Leute und insbesondere in Frau Kaddigs spielten sich Gedanken ab, die alles andere als weihnachtlich waren.
"Halt, warten sie!" rief eine junge Frau von hinten. Besser gesagt unsere junge Frau. Sie saß, wie jetzt einigen auffiel, gar nicht mehr auf ihrem Rucksack. Sie schwenkte ihr Handy. "Sie kommen!"
Aha! - Aber wer? Warum?
Sie hatte sich durchgearbeitet zu uns. "Sie kommen gleich! Da sind sie schon!" Sie deutete auf den Bahnsteig. Alle guckten hinaus und ein Lächeln trat in die Gesichter. Ein schadenfrohes Lächeln, ein irgendwie verschmitztes. Und dann wußten wir auch wieso. Die junge Frau arbeitete nämlich beim Fernsehen! Drei Menschen hasteten den langen Zug entlang. Dynamisch, mit wehenden Mänteln. Vorweg eine Frau mit langem Mikrofon und hinterher zwei Männer mit allerlei Gerätschaften.
"Hier ist es!" rief die Frau und sprang in den Zug. Die beiden hinterher. "Hast du mich so gut, Fred?"
"Alles klar!" sagte Fred.
Licht ging an, die Frau hatte sich zwischen Herrn Müller und den Zugführer gestellt. Das war eine Sache von Sekunden gewesen. Niemand von den beiden wußte, wie ihm geschah.
Unsere junge Frau grinste zufrieden, und Herr Müller wurde nun vor laufender Kamera gebeten, kurz die Umstände zu erläutern, die ihn dazu veranlaßt hatten, diesen Weg zu gehen.
Der Zugführer war sichtlich nervös, sucht schon einmal nach einer guten Antwort, vielleicht die Vorschriften? Denkbar schlechtes Argument am 24. Dezember.
"Zu meiner Rechten steht nun der verantwortliche Zugbegleiter dieses Zuges. Sie haben Herrn Müller aufgefordert, den Zug zu verlassen. Die umfassenden Bemühungen der Reisenden in diesem Waggon, Herrn Müller eine legale Fahrkarte nach Flensburg zu ermöglichen, haben Sie dabei vollkommen ignoriert. Bedeutet Ihnen Weihnachten eigentlich gar nichts mehr?"

Nun ja, die besondere Art der Berichterstattung eben.
Der Zugführer war nun am Zug. "Wissen Sie, wir können ja nicht jeden ohne Fahrschein einfach so mitfahren lassen!" antwortete er tapfer. "In diesem - nun, ja, - ganz besonderen Fall denke ich, daß sich doch eine Lösung finden lassen müßte. Die Damen und Herren hier hatten ja schon gesammelt..."
"Sie werden also Ihrem Herzen einen weihnachtlichen Stoß versetzen und Herrn Müller zu seiner Tochter bringen - meine Damen und Herren, eine große Geschichte hat hier in einem Zug begonnen, voller Menschen auf der Suche nach etwas Weihnachtlichem. Wir sind gespannt und bleiben für Sie an Bord!"
Das Licht ging wieder aus. Das Band wurde ausgetauscht, einer der beiden Männer nahm die Aufnahme und stieg wieder aus.
Draußen ertönte es: "Der verspätete Inter-City-Express fährt nun aus Gleis drei, ..."
Man hatte dem Zugführer, als er wieder einstieg und der Zug anfuhr, applaudiert. Die Kamera lief wieder mit, und geradezu feierlich druckte der Zugführer die Fahrkarte für Herrn Müller aus und nahm das Geld entgegen. Herr Müller bedankte sich ein um das andere Mal. Die vorherige Stimmung war wieder zurückgekehrt. Auch an unserem Tisch wurde nun wieder Tee und Lebkuchen verteilt.
Die Reporterin hatte Platz genommen.
Der Zugführer bemerkte süffisant, sie und ihr Kameramann hätten ja auch keine Fahrkarte...

"Kommt das jetzt im Fernsehen?" fragte Frau Kaddig. Sie war immer noch ganz angeregt.
"Das nehme ich an!" sagte die Reporterin und biß in den Lebkuchen. "Das kann eine interessante Geschichte werden. Die Redaktion sucht auf jeden Fall schon Ihre Tochter, Herr Müller."
Der war überglücklich. So viele Menschen, die sich nur um ihn kümmerten.
"Einmalig, wie gemütlich das hier ist. Ich fahre oft mit dem Zug, aber so wie hier..." Die Reporterin lehnte sich zufrieden mit einer Tasse Tee zurück. "Vielen Dank noch für den Tip. Sie sind doch Sylvia, oder?"
Sylvia nickte. "Soetwas hat man nicht alle Tage, daß man auch einmal von etwas Schönem berichten kann! Eigentlich hätte ich heute frei gehabt, aber mein Freund arbeitet auch beim Sender, und wir wollten dort mit ein paar Kollegen unterm Weihnachtsbaum sitzen. Weihnachten war mir immer etwas fremd. Hektik ist mein Beruf, und da brauche ich nicht auch noch den Einkaufs-Geschenke-Koch-Back-und-Organisier-Wahn!"


Die Reporterin erzählte weiter: "Ich möchte vielmehr das romantische Element. Ich möchte Schmalzkuchen auf dem Weihnachtsmarkt, einen traditionell silbergeschmückten Baum und ganz viele flackernde Kerzen, ruhige Musik und eine Schulter zum Anlehnen auf dem Sofa. - Wenn ich da an den Zirkus bei uns zu Hause denke ... mein Weihnachten ist auf jeden Fall still und leise."
"Darüber haben wir uns auch schon unterhalten", sagte der junge Mann. "Was Weihnachten aber nun wirklich ist, dazu sind wir irgendwie immer noch nicht gekommen!"
Frau Kaddig strickte wieder.

Es piepste. Sylvia, die Reporterin, der Kameramann und Herr Grundmann griffen in ihre Taschen. Es klingelte aber nur das Handy der Reporterin.
"Hmm, ja, oh, schön, ist in Ordnung, ja, OK, bis gleich!"
Sie legte auf und strahlte uns entgegen, daß das Band gesendet worden war und eine Menge Leute beim Sender angerufen hätten. "Außerdem wissen wir, daß Ihre Tochter ab Hamburg fliegt!" sagte sie.
Begeisterung. Wir waren im Fernsehen gewesen! Die beiden Kinder der jungen Frau bekamen von all dem immer noch nichts mit. Wie es sich für Kleinkinder gehörte, schliefen sie fest und ruhig. Draußen war die Landschaft ganz weiß, und es schneite noch kräftig dazu. Weiter weg waren Häuser und Straßen erleuchtet. Bäume glänzten. In den Herzen ist's warm.

Der Zug hielt wieder. Der Bahnsteig war voller Menschen. Manche hatten eine rote Weihnachtsmannmütze auf. Sie winkten, als sie unseren Waggon mit den Fensterbildern vorbeifahren sahen. Die Türen gingen auf, und einige stiegen ein, und es wurde voll in unserem Wagen.
"Fröhliche Weihnacht!" riefen einige.
Sie hatten alles dabei: Kaffee, Tee, Glühwein, Kuchen, Nüsse und noch vieles anderes mehr.
Der Zug fuhr wieder an. Draußen winkten die Leute immer noch. Sie hatten mit Schneespray "Frohe Weihnachten!" quer über den Wagen gesprüht, außerdem Engelsmotive und Sternschnuppen.
Dann öffnete sich die Tür zu unserem Abteil, und ein eineinhalb Meter großer Tannenbaum wurde hineingeschoben.
Es ging drunter und drüber, und wir saßen mittendrin und staunten.
"Wir haben Sie im Fernsehen gesehen - tolle Sache!"


Man hatte den Tannenbaum mit Schnüren befestigt, die ersten Strohengel wurden darangehängt.
Fred filmte, die Reporterin interviewte die Reisenden, es wurde überall gelacht, erzählt und getrunken und gegessen.
Da waren Leute in blauen Hemden mit Seidenkrawatte, zwei Marinesoldaten, ein Bäcker hatte noch die karierten Hosen an, andere hatten wohl kurzerhand die Familienfeier in den Zug verlegt.
Der Mann mit dem Weihnachtsbaum war noch im Blaumann, der kam gerade von einer Heizungsreparatur.
Die Schaffner hatten längst aufgegeben, nach Karten zu fragen und tranken Kaffee.
Eine Mutter hatte von zu Hause Tonkarton mitgebracht und beschäftigte die Kinder, die eifrig eine Menge Fensterbilder den bereits hängenden hinzufügten.
Es war eine Menge los.
Man mußte bereits in angrenzende Waggons ausweichen.
Vor einem Radio lauschte man dem Bericht über einen Weihnachtszug - Radioreporter waren zugestiegen, das Handy machte es möglich.

Herr Müller mußte viele Hände schütteln, Frau Kaddig gab bereitwillig Auskunft über ihr neuestes Strickmuster, ein paar Mütter bestaunten die beiden schlafenden Kinder der jungen Frau.
Herr Grundmann zeigte die Bilder von seiner Familie, Sylvia diskutierte mit dem jungen Mann über den Verbleib weihnachtlicher Spendengelder.
Und ich? Ja, ich freute mich nur über alles, was da geschah. Ich hatte meine Beine ausgestreckt und balancierte eine Tasse Tee auf meinem Bauch. Zu Hause erwartete mich eine Menge Arbeit, aber glücklich war ich trotzdem. Schließlich war Heilig Abend, es schneite sanft und leise, fröhliche Weihnacht überall ...

Die vielen Engel erinnerten mich an daheim. Über Engel und Weihnachten hatten wir hier überhaupt noch nicht gesprochen. Diese leiblichen Wesen mit ihren schönen Stimmen. Leise huschen sie an Weihnachen ganz besonders geschäftig um uns herum. Sie lassen es erst richtig glitzern und funkeln - draußen und drinnen, in uns. Da ist dann auch wieder das Licht. Das hin und her zwischen hell und dunkel. Im Waggon haben die Schaffner das Licht gedimmt, die Kerzen scheinen viel heller. Die Umrisse der Leute verschwimmen, heimelig wird es jetzt, still und leise ...


Das war einfach toll. Herr Müller dachte an seine Tochter, ihr Flug sollte ab Hamburg gehen - aber wie wollte sie von Flensburg nach Hamburg kommen? Wann würde sie fliegen? Sollte Herr Müller vielleicht gleich in Hamburg bleiben?
Wir mußten noch einiges klären.
Sylvia und die Reporterin zogen sich in einen ruhigeren Teil des Zuges zurück, um sich der Sache anzunehmen.
Ein Geschäftsmann kam an unseren Tisch: „Mir ist da noch etwas eingefallen - ich will ja nichts Gemeines sagen, aber wenn Sie ihre Tochter so viele Jahre nicht gesehen haben - dann sollten Sie ihr vielleicht nicht in diesem, ja, Aufzug begegnen."
Ihm war das sichtlich peinlich.
„Es soll ja nicht um Äußerlichkeiten gehen - aber sie würden sich dabei bestimmt auch wesentlich besser fühlen!"
Wir guckten etwas geplättet drein, Frau Kaddig runzelte die Stirn.
„Er hat recht, meine Damen und Herren! Herr Müller, so können Sie Ihrer Tochter wirklich nicht unter die Augen treten!"
„Wir haben keine Zeit zu verlieren - woher bekommen wir ein paar vernünftige Klamotten?" fragte der junge Mann.
„...und einen Haarschnitt ..."
„...Rasieren wäre auch nicht schlecht!"
Alle Umstehenden sahen sich um, beratschlagten und suchten nach einem Weg, dieses Problem innerhalb von höchstens dreißig Minuten zu lösen - denn dann würden wir in Hamburg einfahren!

„Welche Größe haben Sie, Herr Müller?" Ein Schaffner hatte gefragt. „Wir könnten eine Durchsage machen - irgendjemand von den vielen Menschen in diesem Zug muß doch Ihre Größe haben und ein wenig Gepäck entbehren können!"
„Na, ich weiß nicht so recht, fremde Sachen ..."
„Ach was, Herr Grundmann!" Frau Kaddig hatte ihren energischen Ton.
Die Sache ging in Ordnung, und der Schaffner griff zum Mikrofon: „Meine Damen und Herren, darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten! Wir suchen für Herrn Müller ein paar angemessene..."
Frau Kaddig war zuversichtlich und spekulierte auf einen dunkelblauen Anzug, vielleicht mit Weste, blaues Hemd, ...

Als erstes kam eine Frau mit einem Beutel. „Guten Tag! Ich heiße Angelika und würde Ihnen gerne die Haare schneiden!" Sie zauberte einen Umhang hervor und wickelte ihr Werkzeug aus einem Tuch. Das würde sie in ihrer Familie ständig machen...


Herr Müller war mit Angelika auf die Toilette gegangen - zum Haareschneiden und Rasieren. In der Zwischenzeit trafen gleich mehrere Herren mit ihren Koffern und Taschen ein. Sie beratschlagten, wie man die angemessenste Zusammenstellung aus all ihren Sachen machen konnte. Nicht zu fein, nicht zu leger - etwas weihnachtlich...

Offensichtlich war alles in guten Händen. Herr Müller wurde immer selbstbewußter, redete ununterbrochen mit den ganzen Leuten, die um ihn herumschwirrten. Fred filmte ebenso eifrig und die Radioreporter erstatteten pflichtgemäß ihre Berichte aus dem Weihnachtszug.
Der Zugführer kam ganz entgeistert zu uns: „In Hamburg ist die Hölle los! Ich habe soeben mit den Kollegen gesprochen - der Bahnhof platzt aus allen Nähten. Die Bahnsteige sind voller Menschen. Alle wollen zu diesem Zug oder am liebsten gleich mitfahren. Soetwas habe ich noch nie erlebt!"
„Herrn Müllers Tochter fährt mit dem Zug nach Hamburg ...", die Reporterin drängelte sich durch die Hemd-und-Krawatten-vergleichenden Herren. „Meine Redaktion hat ganze Arbeit geleistet, wir haben den Sohn erreicht. Sie kommt eine viertel Stunde nach uns dort an."
Nun wurde es ernst - in weniger als einer halben Stunde würde Herr Müller seine Tochter wiedersehen.
Die eifrigen Herren hatten sich zu Frau Kaddigs Wohlgefallen für Blau entschieden.
Als Herr Müller aus der Toilette kam, erklang ein allgemeines 'Ohhh!', und die Leute applaudierten. Zehn Minuten waren es noch bis Hamburg - eine Rekordzeit, wie auch Angelika, unsere fleißige Frisörin, bestätigte. Herr Müller fühlte sich außerordentlich gut - so gut, wie schon lange nicht mehr! Er wußte gar nicht, was er sagen sollte, obwohl er ja die ganze Zeit schon so viel erzählt hatte - oder vielleicht gerade deshalb.
Man schaute ihn ergriffen an, das war schon etwas Tolles, was hier geschehen war.
Alle Unterhaltungen wurden leiser, nachdenklicher. Ein Hamburger Seebär war in den Wagen gedrängelt und hatte sich neben den Weihnachtsbaum gestellt, der mittlerweile unter dem ganzen Schmuck kaum noch zu sehen war. Er hatte ein Akkordeon umgeschnallt und fing leise an zu spielen.

Das Lied kannten alle. Wir stimmten zaghaft mit ein, und nach und nach sang der ganze Waggon. Die Kerzen schienen noch heller, und draußen war alles noch weißer, als es je gewesen war. Stille Nacht. Hatte hier Weihnachten Einzug gehalten?

Wer ganz genau hinsah, der sah draußen neben dem Zug vielleicht auch ein paar helle, huschende Bewegungen, ich jedenfalls sah sie.


„Ich kenne eine Menge Weihnachtslieder, aber dieses war das allerschönste, was ich je gehört habe."
Frau Kaddig bekam ganz feuchte Augen. Überhaupt schien alles ein wenig feucht zu werden.
Zum Glück bremste nun der Zug, wir waren in Hamburg.
Der Zugführer hatte Recht gehabt, der Bahnhof war voller Menschen. Auch hier waren Tannenbäume aufgestellt worden, Kerzen, Schriftzüge mit „Fröhliche Weihnachten" und viele, viele glückliche Menschen. Wir hatten Mühe, aus dem Zug zu kommen. Alle drängten auf Herrn Müller zu, streckten ihm die Hände entgegen, wünschten ihm viel Glück.
Auch hier war schon ein großer Haufen von Journalisten mit Kameras und Fotoapparaten eingetroffen, sie bestürmten uns mit Fragen.
Auf dem Bahnsteig gegenüber hatte sich eine Bigband aufgestellt und machte sich fertig zum Spielen. Auf dem gleichen Bahnsteig, an dem auch unser Zug stand, sollte der mit Herrn Müllers Tochter eintreffen. Die freundliche Lautsprecherstimme hatte den Zug schon angekündigt und mahnte zur Vorsicht bei dessen Einfahrt - es waren einfach zu viele Menschen hier.
Ich hatte mich schon zum Ausgang vorgearbeitet und betrachtete das ganze Spektakel von der Galerie aus. Schließlich hatte ich ja noch einen langen Tag vor mir. Der besagte Zug fuhr ein, es wurde noch voller auf dem kleinen Bahnsteig.
Um Herrn Müller hatte sich eine Traube gebildet, alle hielten nach ihr Ausschau.
Da kam sie dann auch - das mußte sie zumindest sein, denn die Leute jubelten schon. Die beiden nahmen sich in die Arme.

Wer hätte das gedacht?
In einem Zug mit ein paar Menschen, die vielleicht nicht ganz so sind wie ich - aber auf jeden Fall so wie alle anderen - entsteht eine Idee von Weihnachten und bringt sie zusammen.
Die Big-Band stimmte nun 'Jingle-Bells' an, und alle sangen mit, von der Lautsprecherdame bis hin zum Brezelverkäufer.

Herr Grundmann hatte sich offensichtlich entschieden, den heutigen Abend nicht in einem Meeting zu verbringen und telefonierte mit seiner Frau.
Frau Kaddig und all die anderen würden eines ihrer schönsten Weihnachten feiern können - da war ich mir sicher.
Der Gesang der Leute in diesem Bahnhof, das Mitfühlen vor den Fernsehern und Radios war wunderbar - aber ich für meinen Teil muß noch eine Menge erledigen, damit das auch wieder ein ganz besonderes Weihnachten wird, mindestens so besonders wie das im letzten Jahr.
Meine eifrigen Helfer hatten mich schon seit einiger Zeit daran erinnert und flogen neben dem Zug her. Mein Schlitten war wieder flott ...

Frohe Weihnachten!

Der Weihnachtsmann grüßt alle, auch die, die nicht mehr an ihn glaubten, bis sie diese Geschichte lasen...

© Martin Böhnke 1998