Der Zug nach Weihnachten
"Entschuldigen Sie bitte, ist dieser Platz schon
belegt?"
"Nein - eigentlich nicht."
Im ganzen Abteil allgemeiner Einzug: Taschen
hoch und die dicken Jacken und Mäntel irgendwo dazwischen. Dezentes
Platznehmen - man will ja nicht stören. Der Herr am Fenster hatte gar
nicht aufgeguckt. Die Antwort war Routine; in seiner dicken Zeitung hatte
er sich in Seiten mit den langen Zahlenkolonnen vertieft. Möglichst
leise zerrte ich mein letztes Taschentuch aus der Packung.
Piep - piep - piep - piep - schscht. Der Zug fuhr los und meine Nase lief.
Jetzt einmal kräftig in das ...
"Hey, hey, sie hat es aber erwischt!"
Unter dem Taschentuch durch gab ich zu verstehen, daß ich mir auf dem
Rückweg aus dem sonnigen Süden offensichtlich eine kräftige
Erkältung zugezogen hatte.
"Dann kommen Sie gerade aus dem Urlaub zurück?"
"Nein, nein - es war eher dienstlich, ..."
Trotz aller Schneuzfestigkeit wurde das Taschentuch allmählich etwas
zu feucht.
"Dort drüben können Sie es loswerden", der Herr deutete nach vorn.
Die Mülleimer sind in diesen Zügen irgendwie kaum noch als solche
zu erkennen.
"Sie fahren wohl nicht häufig mit der Bahn!" Jetzt unterhielt er sich
nicht mehr mit seiner Zeitung, sondern schaute mich an.
"Nein, normalerweise nicht. Diesmal ging es aber nicht anders. Eine
Betriebsstörung, wenn Sie so wollen!"
Da wurde der Herr vollends aufmerksam und legte seine Zeitung beiseite.
"Oh, aus welcher Branche kommen Sie denn?"
"Eigentlich aus gar keiner - wissen Sie, als ich damals anfing...", besann
mich aber eines besseren "...aus der Versand - Branche!" Ich legte mein
wichtigstes Gesicht auf. "Was machen Sie denn?"
"Unternehmensberatung! Grundmann mein Name!" Er schüttelte mir kräftig
die Hand, wahrscheinlich im Glauben, gerade einen neuen Kunden gefunden zu
haben.
Grundmann, Hans-Peter. Geboren am 11. Juli
1954,
hat als Kind immer gerne den größeren Bruder
veräppelt
"Und wo wollen Sie heute noch hin?" fragte ich
Herrn Grundmann. "Sie haben doch Familie, oder nicht?"
"Doch, ja. Es gibt aber noch eine dringende Sache in Flensburg zu erledigen,
eine Holzfirma. Der Flieger hat ja wegen des Wetters nicht starten können,
und so bin ich auf die Bahn umgestiegen - und wer weiß, wann ich jetzt
ankomme. Um nach Hause zu kommen, muß ich ja auch wieder zurück
nach Hamburg." Herr Grundmann drehte sich zum Fenster und stützte seinen
schweren Kopf auf die rechte Hand. "Und das ausgerechnet heute!" kam es
enttäuscht hervor. "Dabei sollten diese Tage doch etwas ganz besonderes
sein. Meine Frau und die beiden Kinder. Wissen Sie, das ist so schon Tradition
bei uns; seit sie laufen können schmücken wir alle zusammen den
Baum. Von meinen Eltern haben wir noch eine handgeschnitzte Krippe, die steht
immer darunter, und abends gibt es dann immer Ente. Während des Essens
kommt dann in der Regel der Weihnachtsmann und die Geschenke liegen unter
dem Baum..." Ein scheinbar wissendes Grinsen spannte sich von der einen Seite
seines Gesichtes auf die andere. "Weihnachten, das ist für mich meine
Familie erleben. Ein paar Tage wirklich zu Hause ausspannen und das alles
in absoluter Harmonie!" Offensichtlich erwartete er jetzt von mir eine ebenso
kräftige Zustimmung.
"Naja, das ist sicherlich eine Art, Weihnachten zu feiern. Was sollen Ihre
Kinder denn bekommen - vom Weihnachtsmann meine ich?"
"Die Große eine neue Puppe, denke ich - und der Kleine, der hat von
einem Videospiel gesprochen - das macht in der Regel meine Frau, wissen Sie."
Natürlich wußte ich. Draußen war es finster geworden, mitten
am Tag. Die Autos hatten Licht an, damit die Fahrer besser sehen
konnten, und das Innere des Zuges sah man beinahe deutlicher in der
Fensterscheibe, als das, was dahinter vorbeisauste. Herr Grundmann war wieder
nachdenklich geworden - oder eher: er wurde überhaupt
nachdenklich.
"Sehen Sie? Genau das ist für mich Weihnachten!" Die schon etwas ältere Dame gegenüber ließ ihre beiden Stricknadeln auf die Knie sinken. Sie guckte abwechselnd zu mir und Herrn Grundmann über ihre halbrunde Brille hinweg. "Die Weihnachtszeit ist die Zeit, in der man darüber nachdenkt, was Weihnachten eigentlich ist!" Energisch klapperten zu ihrem letzten Satz schon wieder die Stricknadeln. Herr Grundmann und ich erwarteten irgendwie, daß es nun weiterginge...
Aber die Dame schwieg.
"Das ist dann schon alles?" wendete Herr Grundmann vorsichtig ein.
"Eigentlich schon, ja. Sie haben doch gerade selbst begonnen, zu überlegen,
was Weihnachten bei Ihnen zu Hause ist. Offensichtlich kommen Sie nach Hause,
schmücken den Baum und setzten sich an den Tisch. Sie sind über
die Geschenke für Ihre Kinder genauso überrascht wie diese selbst
und legen dann die Füße hoch - was macht Ihre Frau die Feiertage
über?"
Ich war beeindruckt. Und das alles, ohne mit dem Stricken aufzuhören.
Sie sprach aus, worüber Herr Grundmann gerade angefangen hatte,
nachzudenken. Für ihn war jetzt Weihnachten, oder?
Johanna Kaddig, schon ein paar Jahre älter,
hatte schon als Kind einen ausgeprägten
Gerechtigkeitssinn.
Ich fühlte mich rundum wohl. Mir gegenüber
war der Sitz frei, und so konnte ich meine langen Beine weit von mir strecken.
An meinem Reiseziel würde mich noch eine Menge Arbeit erwarten - aber
sie machte Spaß, und hier im Zug herrschte eine angenehme Stimmung.
Die Leute waren voller Vorfreuden und gesunder Geschäftigkeit. Aus vielen
Taschen lugten Geschenke hervor, manche schrieben Weihnachtsgrüße.
Es roch nach Lebkuchen. Frau Kaddig hatte aus ihrer etwas altmodischen, aber
sehr voluminösen Handtasche eine Keksdose hervorgezaubert.
"Habe ich selbst gebacken! Möchten Sie probieren?"
Herr Grundmann und ich ließen uns nicht lange bitten. Köstlich,
fast wie zu Hause.
"Mmmmhmm....", schwärmte Herr Grundmann "... genau wie die von meiner
Großmutter. Das hatte ich schon fast vergessen!"
Frau Kaddig war sichtlich geschmeichelt. "Sowas schmeckt auch nur zu dieser
Jahreszeit!" betonte sie kauend.
"Und von Müttern oder Großmüttern muß das sein!"
führte Herr Grundmann noch einmal ins Feld.
"Als ich noch klein war, hat meine Mutter die Lebkuchen noch in einem
holzbefeuerten Ofen gebacken. Die Küche war der einzige warme Raum in
unserer kleinen Wohnung. Eisblumen waren in den Fenstern, und meine Eltern
hatten Mühe gehabt, die Zutaten für die
Lebkuchen zusammenzubekommen. - Geschenke. - Geschenke am Heilig
Abend ..."
Frau Kaddig hatte ihre Strickfrequenz reduziert und erzählte warm und
herzlich.
"Wenn wir dann die zu klein gewordenen Schuhe
der großen Schwester bekommen hatten oder ein Paar Handschuhe - das
war die Bescherung. Trotzdem, ich weiß nicht, wir hatten mehr, als
man heute an Weihnachten hat." Sie guckte fragend in unsere kleine Runde.
"Sie haben bekommen, was sie am nötigsten zum Wohlfühlen brauchten,
im Alltag. Etwas anderes hätten Sie sich gar nicht gewünscht. Mein
Sohn braucht gewiß kein neues Videospiel mehr!" Herr Grundmann war
sicherlich sehr erfolgreich in seiner Branche. "Zu dem, was Sie nötig
brauchten, bekamen Sie dazu die Möglichkeit, über das nachzudenken
und sich darüber zu freuen, was sie hatten - und nicht über das,
was sie nicht hatten."
Sie guckten mich beide an, man war sich einig. Wir waren froh, eine
Erklärung gefunden zu haben.
"Was sollte er also seinem Sohn schenken?" fragte Frau Kaddig.
Tja, bisher war es Theorie, hörte sich gut an.
"Etwas, das er nötig braucht, und was ihn sich freuen läßt,
über die Dinge, die er schon hat, oder?" Herr Grundmann blickte uns
nun etwas hilflos an. Jaja, theoretisch gesehen ... !
Der Zug hatte gehalten. Aussteigen, Einsteigen,
wieder allgemeiner Einzug.
"Ist der Platz noch frei?"
"Ja", sagten wir alle drei, etwas entrückt.
Sogleich schwang der junge Mann seine Taschen hinauf und nahm Platz. Frau
Kaddig hatte noch gerade rechtzeitig ihr Strickzeug wegnehmen können.
Nun war die Runde um den kleinen Tisch, auf dem immer noch die Dose mit den
Lebkuchen stand, vollzählig. Er band sich seine langen blonden Haare
zusammen und schlug ein Buch auf, lächelte uns noch einmal an und vertiefte
sich in seine Zeilen.
Max Kuhlmann, gerade achtzehn Jahre alt,
als Kind - und immer noch - ein Schlingel.
"Also, was nun?" Frau Kaddig gab nicht nach.
"Was braucht er denn am nötigsten, Herr Grundmann?" fragte ich.
"Er hat alles, denke ich. Wahrscheinlich sogar zu viel!"
Man wog die verschiedensten Dinge voreinander ab. Lernspiele, naturbelassenes
Holzspielzeug, eine Mundorgel. Die Praxis erschien schwieriger als gedacht.
"Nehmen Sie ihm doch etwas weg!"
Der junge Mann hatte sich eingeschaltet. Unverhofft.
Wer hätte das von ihm gedacht.
"Wie bitte?" Frau Kaddig hakte nach.
"Sie wollen ihm etwas geben, das ihn anhält, sich über andere Dinge
zu freuen, die er schon hat. Das habe ich doch richtig verstanden?"
Nicken.
"Dann betrachten Sie das Geben einfach als negative Größe und
nehmen Sie ihm etwas weg. Dann kann er sich über das freuen, was er
noch hat. Er hat ja ohnehin zuviel!"
Herr Grundmann bemerkte als erster: "Klingt logisch!" Er konnte eben nicht
aus seiner Haut, und Max war wirklich ein Schlingel.
"Wegnehmen ist nicht weihnachtlich!" meinte ich dazu.
Demonstrativ nahm Frau Kaddig wieder das Strickzeug auf: "Das würden
Sie doch wohl auch nicht wollen, junger Mann!" Das klang schon fast streng.
"War ja nur theoretisch gemeint!" wehrte er ab. "Obwohl es natürlich
stimmt!"
Frau Kaddig ließ wieder von den Nadeln ab. "Es wird viel zu viel gekauft.
Lauter Unsinn und mülliges Zeug. Alles schön bunt verpackt -
Weihnachten mit Kreditkarte. Nehmen sie sich einen Lebkuchen, junger Mann!"
"Oh ja, gerne! Moment mal..." Er kramte in einer seiner Taschen und
förderte eine beachtliche Thermoskanne zu Tage. "Weihnachtstee!"
verkündete er stolz und stellte Becher dazu.
"Herrlich! Das fehlte noch!" Herr Grundmann übernahm den Ausschank.
Unsere kleine Runde duftete durch das ganze Großraumabteil.
"Man schenkt eben keine altgedienten Sachen mehr weiter. Neu ist das Geschenk
von heute und in der Regel nichts Lebenswichtiges. Es darf ruhig etwas teurer
sein, dann bekommt man beim nächsten Geburtstag eben etwas weniger,
naja." Max kaute weiter.
"Dann ist Schenken heute also auch nicht mehr weihnachtlich - fast wie das
Wegnehmen. Es sind Konsumgüter, die für den Moment ganz schön
und wichtig sind, aber einem weiter nichts geben als den bloßen Besitz
an einer Sache, weil man ja auch noch so viel anderes hat!" resümierte
Herr Grundmann.
"Ganz so schlimm ist es ja auch wieder nicht, aber im Kern ist schon etwas
Wahres daran", meinte Frau Kaddig. "Zum Beispiel haben wir an Heilig Abend
nach der Bescherung noch Weihnachtslieder gesungen, Gedichte aufgesagt. Ein
paar Kerzen brannten, ansonsten war es dunkel. Tanne, Lebkuchen, Äpfel
und Nüsse dufteten. Still war es, ganz still. Dann leises Singen, von
nebenan vielleicht - das war himmlisch, das vergesse ich nie!"
"Das hört sich schön an!" brach der
junge Mann das bewundernde Schweigen. "Zu Hause habe ich das aber auch nicht
mehr. Meine Familie und Singen - grausame Vorstellung! Das wäre ja schon
beinahe peinlich, Gedichte aufsagen! Ich glaube, das würde lächerlich
werden."
Wir lachten auch.
Herr Grundmann kramte in seinem Sakko. Er zog ein paar Servietten hervor,
mit goldenen Sternen darauf. "Das ist noch von unserer Adventsfeier im
Büro. Das fiel mir gerade so ein. Meine Frau dekoriert auch immer im
ganzen Haus mit Gestecken, Kränzen und Kerzen. Das duftet dann auch
so nach Weihnachten, beinahe wie in Ihrer Kindheit. Auch wenn diese getragene
Stimmung nicht gleich dabei aufkommt." Er verteilte sie unter den Bechern
und der Dose, so als Tischdecke.
"Stimmung ist also auch wichtig für Weihnachten. Das Drumherum muß
stimmen. Plätzchen, Kerzen, Tanne, weihnachtliche Motive - und
natürlich Klänge. 'White Christmas' im Radio, Glockenklingeln,
..." Herr Grundmann war ganz verzückt.
"Das hört sich ja alles ganz schön an, aber: Was ist denn dann
Weihnachten? Wenn alles, was riecht, schön aussieht und klingt nur
schmückendes Beiwerk ist, das Drumherum eben, und Geschenke doch eher
Probleme bei der ganzen Sache machen und den Beschenkten, naja, irgendwie
etwas von Weihnachten wegnehmen."
Frau Kaddig ließ entsetzt ihr Strickzeug fallen.
Was war nun Weihnachten? Alle blickten stumm um den ganzen Tisch
herum.
"Ich finde, Weihnachten verändert die Menschen
für ein paar Wochen oder Tage. Sie gehen anders miteinander um -
freundlicher und irgendwie menschlicher. Offen - für viele Dinge."
Allgemeiner Schwenk auf die andere Seite. Eine Frau saß da mit zwei
kleinen Kindern, die gerade schliefen. Unerwartet hatte sie sich in unseren
kleinen weihnachts-philosophischen Kreis eingeklinkt.
"Es geht eben nicht nur um Sachen, sondern besonders um die Menschen -
Weihnachten ist, was ich daraus mache!"
Ein neuer Aspekt, zweifellos. Die Runde nickte, man befaßte sich mit
der neuen Situation. Weihnachten muß man also machen. Gibt es dann
einen Weihnachtsmenschen und einen Wenn-gerade-nicht-Weihnachten-ist-Menschen
in uns? Diese Richtung der Diskussion gefiel mir persönlich nun wesentlich
besser!
Regina Schulze, 28 Jahre alt, zwei Kinder.
Braves Kind.
"Wo ist nun also die Beziehung zwischen Mensch
und Weihnachten? Da müßten wir noch einmal von vorne beginnen!"
Herr Grundmann hatte wieder seinen Konferenzton.
Indes steuerte die Frau mit den beiden Kindern zu unserem Tisch noch zwei
kleine Gestecke mit Kerzen bei, die sie auf einem Weihnachtsmarkt erstanden
und für deren Einsatz sie sich nun entschlossen hatte. Die beiden Flammen
wurden entzündet und Andacht trat ein.
"Möchten Sie ein Stück Lebkuchen?"
"Weihnachtstee?"
"Eine Serviette vielleicht?"
"Also, an Heilig Abend ist meine Familie in der
Regel unter sich. Da gibt es einen genauen Ablaufplan. Essen, Baum, Kamin
und so was. Dann kommen wir alle im Wohnzimmer zusammen, alle haben die Geschenke
für die anderen irgendwann unbemerkt mit dazugelegt. Dann ist großes
Auspacken und Freuen und Umarmen angesagt, immer mit einem Auge in Richtung
Essen. Vorher essen hätte aber auch keinen Sinn, man war ja auch mal
kleiner und ungeduldiger. An den Weihnachtstagen werden dann die Leute besucht,
die man sonst nie sieht und mit denen man irgendwie verwandt ist - also,
so ist das bei uns."
"Was macht Ihr denn, damit Weihnachten sozusagen eintritt?" Frau Kaddig stellte
diese Frage direkt an den jungen Mann.
"Das Äußerliche, das Drumherum ist natürlich irgendwie schon
da, naja, und ich ... das sind die verschiedensten Dinge. Geheimnisse
gehören auf jeden Fall dazu, wem verrät man was über ein Geschenk
für einen anderen. Dann die Vorfreude auf das Gefühl, das man hat,
wenn sich der andere freut - über das, was er bekommen hat."
"Das ist wichtig!" warf ich ein. "Die Freude daran, anderen eine Freude zu
machen und gemacht zu haben."
"Weihnachten ist es auch nicht ganz so schwer, etwas wegzugeben. Deshalb
wird ja auch so viel gespendet, Kleidung, Geld, Spielsachen. Überall
Aktionen, Hilfe hierfür und dafür - und besonders für Kinder!"
Die junge Frau schaute auf ihre beiden.
"Ja, Weihnachten ist besonders ein Fest für Kinder - schließlich
ging es ja auch um ein Kind. Kinder und arme Menschen, arm in welcher Hinsicht
auch immer, um diese Leute geht es an Weihnachten. Denen wird dann mehr geholfen
als sonst im Jahr - oder es wird überhaupt an sie gedacht!"
Frau Kaddig klang sogar ein wenig empört. "Das ist wie mit den aufgetragenen
Schuhen meiner Schwester."
Unverständnis.
Wie kam sie nun darauf?
"Nun, sehen Sie: Weihnachten wird alles das wichtig
oder überhaupt bemerkt, was sonst und normalerweise niemanden
beschäftigt hätte - wie die aufgetragenen Schuhe meiner Schwester
eben!"
"Aber Sie hätten sich doch auch über die Schuhe gefreut, wenn nicht
Weihnachten gewesen wäre, oder?" warf der junge Mann ein. "Daß
man sich über Dinge freute, über die sich sonst oder eben heute
niemand mehr freuen würde, hatte ja nichts mit Weihnachten zu tun, sondern
damit, daß einfach Not da war!"
Was jetzt?!
Zögern.
"Hatte Frau Kaddig dann damals auch kein richtiges Weihnachten?" Die junge Frau sprach aus, was keiner zu sagen gewagt hatte.
Jetzt sprachen alle durcheinander. Unwissen. Alles war in Zweifel gestellt, selbst der Zweifel selbst. War Weihnachten überhaupt real? Ist es nur Einbildung, daß Weihnachten ist? Wird uns von geldgierigen oder bewußtseinsbeherrschungswilligen Fremden eingeredet, an Weihnachten sei alles anders? Ist das überhaupt alles rational? Angst mischte sich in dieses heillose Chaos.
Was sollte ich davon nun halten - Weihnachten
mit tausend Fragezeichen. Von den persönlichen Konsequenzen will ich
gar nicht erst anfangen. Weihnachten ist offenbar zu etwas Fremdem geworden.
Es ist nicht greifbar, man kann es auch nirgendwo erahnen. Trotzdem ist es
doch in aller Munde, man weiß, was Weihnachten scheinbar nicht ist.
Dann kann es doch so schwer nicht sein herauszufinden, was es
ist.
Das Durcheinander hielt an.
"Ach entschuldigen Sie mich bitte für einen Moment!" Ich stand auf, denn die Natur verlangte ihr Recht, der Zeitpunkt war natürlich denkbar ungünstig in dieser prekären Situation. Weit war der Weg nicht, den ich gehen wollte, doch voller Tücken wie Koffern, Taschen, Mänteln und Reiseproviant. Der reinste Hindernislauf. Endlich angekommen, stand ich vor verschlossener Tür. Eine Dame, die gerade aus der anderen Richtung auf mich zukam, sagte mir: "Da können sie lange warten, die ist wahrscheinlich defekt. Da geht keiner hinein und keiner heraus. Ich bin auch in den nächsten Wagen gegangen!" Also noch mehr Gepäck umrunden und übersteigen.
Zurück an meinem Platz hatte sich schon wieder Einiges getan. Das Durcheinander war höchster Konzentration gewichen. Herr Grundmann hatte seine Konferenzfähigkeiten aktiviert.
Man wollte Weihnachten nicht einfach so aufgeben. Daher hatte man sich entschlossen, alle Aspekte noch einmal geordnet zu durchleuchten. Als ich mich setzte, waren sie gerade dabei, eine Art Themenkatalog aufzustellen. Zunächst sollte gesammelt werden, was an Weihnachten nun eigentlich anders war, als zu den anderen Zeiten im Jahr.
"Ich finde, wir sollten bei den Leuten anfangen
- da gibt es dann ja auch den Unterschied, was zu Hause geschieht und
draußen in den Geschäften, Büros und Vereinen. Adventsfeiern
und weihnachtliches Getue hat man ja an jeder Ecke!" Die junge Frau hatte
den Anfang gemacht.
"Alle arbeiten auf ein Ziel hin - Weihnachten eben! Man bemüht sich,
alles herauszuputzen. Es wird geschmückt, und schon das Auspacken der
Decken und Gestecke aus dem letzten Jahr ist die reine Freude. Lichter kommen
in die Fenster und an den kleinen Tannenbaum vor dem Haus. Geschenke werden
ausgesucht und verpackt. Da ist dann auch wieder die Vorfreude auf die Freude
der anderen. Man macht es sich gemütlicher als sonst, Herr Grundmann
hatte das schon gesagt, Harmonie soll entstehen. Also auch wenn es mehr Arbeit
ist, es geht um Freude, Licht und Harmonie."
"Genau, der Lichtaspekt. Winter ist ja eine kalte und dunkle Jahreszeit.
Schmuddelig und dreckig. Da ist es dann wichtig, einen Kontrast dazu zu haben.
Übrigens fehlt bei dem Ganzen dann noch die Wärme!"
Draußen war es nun wirklich dunkel. Tee wurde wieder ausgeschenkt, die Lebkuchendose kreiste und das Licht der Kerzen flackerte auf unseren Gesichtern.
Frau Kaddig griff das letzte Wort wieder auf:
"Wärme. Das ist körperliche Wärme im Haus, mit Tee vielleicht
oder Kakao. Es ist aber auch Gemütswärme. Warme Herzen, sozusagen.
Viele Leute gehen spenden, wie sie schon sagten, daran ist auch nichts zu
rütteln - das ist so. Das ist auch etwas unbestreitbar Gutes, denke
ich, ohne einen anderen schlechten Hintergedanken dabei!"
Der junge Mann machte weiter: "Es wird mehr gegeben, weil alles um einen
herum auch so ist und es so tut. Dann kommt vielleicht auch noch ein schlechtes
Gewissen dazu, weil man sonst ja nie etwas gegeben hat, und dann stört
es einen plötzlich, mehr zu haben als andere."
"Das ist wohl nicht von der Hand zu weisen, daß
offenbar erst Weihnachten werden muß, damit die Leute etwas von der
Armut und Hilflosigkeit anderer mitbekommen. Aber was dabei zählt, finde
ich, ist doch eigentlich, daß geholfen und gegrübelt wird. Und
das passiert ja auch nicht aus Zwang, sondern bei jedem von uns kommt Weihnachten
ganz von alleine. Ich denke fast, daß jeder diese Zeit irgendwie braucht,
so einmal im Jahr. Natürlich ist sie hektisch und oft doch schon sehr
befremdlich, diese Zeit, aber man kommt eben doch dazu, sich ein paar Gedanken
hinzugeben ..."
Da wurde ich von der jungen Frau unterbrochen: "Und das ist der Punkt, an
dem sich entscheidet - und zwar für jeden von uns selbst - was Weihnachten
ist. Ich kann mir eine Menge Gedanken machen und mich so vielen Gefühlen
hingeben, wenn ich Geschenke einpacke und aussuche, Karten schreibe oder
bei der Aufführung eines Krippenspieles mithelfe; genausogut kann ich
es aber auch lassen, ein Videospiel verschenken, zweizeilige Grüße
versenden und mich zu Hause so um gar nichts anderes kümmern als um
mich selbst. Diese Leute haben dann gar nichts von Weihnachten - nur
Äußerlichkeiten."
"Es ist natürlich auch schwer, den Reizen und Angeboten zu widerstehen,
die um uns herum mit allen erdenklichen Sinnesreizen um unsere Aufmerksamkeit
buhlen. Weihnachten ist natürlich auch ein Geschäft, verführt
dazu, die gesamte Glitzerwelt einzukaufen und darüber alles andere einfach
zu vergessen, was Weihnachten eben noch alles sein kann." Herrn Grundmann
ging offenbar eine Menge im Kopf herum. "Wissen sie", sagte er mit gesenktem
Kopf, "das ist bei mir doch genauso. Tagein, tagaus reise ich nur mit Telefon
und Computer durch die Gegend, und wenn ich dann nach Hause komme, bringe
ich meinen Kindern und meiner Frau irgend etwas mit, nur um etwas mitzubringen.
Und wenn das dann irgendwo ganz groß angepriesen wird, als das, was
das Kind heute haben muß, dann wird das ja wohl schon stimmen. Aufwendig
ist es, teuer und brandneu. Und nicht einmal zu Weihnachten weiß ich,
was meine Kinder geschenkt bekommen - geschweige denn sich wünschen!
Und da muß man erst ein Flugzeug verpassen, um mit der Nase darauf
gestoßen zu werden."
"Entschuldigen Sie bitte, ich habe ihnen die ganze Zeit schon zugehört und wollte sagen, daß Weihnachten eben gerade eine schwermütige Zeit sein kann - wie jetzt in diesem Augenblick. Und das ist auch etwas Schönes!"
Sylvia Bach, 26 Jahre alt,
hatte immer schon Erfolg mit einer entwaffnenden
Ehrlichkeit
Sie hatte sich zu uns umgedreht und jetzt auf
ihrem großen Rucksack im Gang Platz genommen.
"Ach übrigens - ich heiße Sylvia!" lächelte sie uns entgegen.
Tee und Lebkuchen wurden hinübergeschoben - eine Serviette bekam sie
natürlich auch.
"Schwermütig ist Weihnachten besonders dann, wenn man alleine ist oder alleingelassen wird - das ist wohl viel schlimmer. Wieviele Menschen müssen Weihnachten wohl vor dem Fernseher feiern, vielleicht sogar auf der Straße und überall zusehen, wie die anderen mit der Familie oder Freunden feiern. Nach Weihnachten schlägt man dann die Zeitung auf und fragt sich, warum sich so viele über Weihnachten das Leben genommen haben."
Frau Kaddig fuhr fort: "Dahin kommen wir offenbar
immer wieder zurück. Weihnachten beschäftige wir uns mit unseren
Gefühlen, da denken wir über den anderen nach und darüber,
was wir falsch gemacht haben. Und dann ist Weihnachten genau der richtige
Tag, um alles wieder gut zu machen. Beiden Seiten fällt es da viel leichter
als sonst. Wer würde Weihnachten schon eine Entschuldigung ablehnen?"
"Ja, man kann neu beginnen mit sich und den anderen - und das gibt dann auch
diese einmalige Stimmung, wie im Film. Davon gibt es ja genug, die sich um
Weihnachten drehen. So etwas wie 'Schlaflos in Seattle' zum Beispiel. Zum
Dahinschmelzen ...", die junge Frau schmolz.
Es hatte uns voll erwischt - alle saßen wir in unserer schwärmerischsten Pose da und schwelgten - ich natürlich auch, denn ich war erleichtert, daß es sowas noch gab!
"Die alten Weihnachtslieder geben diese Stimmung auch ganz toll wieder. So getragen und etwas schwermütig eben. So wie 'Stille Nacht' oder 'O du fröhliche'!" In unseren Köpfen sang es nun auch noch.
Frau Kaddig sprach als erste ihre Gedanken aus: "Wissen sie, das erinnert mich an letztes Jahr Weihnachten. Eine haarsträubende Geschichte war das. Mein Mann war ein Weihnachtsmann und hatte meinen Chef kennengelernt - ich arbeite als Hausdame - und die Probleme in dieser Familie ... Auf jeden Fall löste sich das alles in Wohlgefallen auf an Heilig Abend. Diese Weihnachtsatmosphäre läßt eben niemanden los, der wirklich bemüht ist, alles wieder ins Lot zu bringen. Und sie, Herr Grundmann, sie schaffen das auch, da bin ich mir ganz sicher!" Bestimmt nahm sie dazu seine Hände. Die schweren Gemüter hatten sich erleichtert, man ließ die Kanne wieder herumgehen. Frau Kaddig nahm auch vergnügt wieder die Stricknadeln in die Hand. Der junge Mann fragte in unsere Runde: "Ist das Weihnachten?"
Ich fand es ja die ganze Zeit schon weihnachtlich hier, aber konnten sechs sich vollkommen Fremde zusammen in einem Zug Weihnachten machen? Weihnachten muß gemacht werden, hatten wir ja schon festgestellt, oder? Insofern also ...-
"He sie, machen sie die Tür auf!"
Jemand klopfte energisch gegen eine Tür.
"Aufmachen, sagte ich!"
Das ganz Abteil guckte mehr oder weniger erschrocken nach vorn, wo zwei Schaffner
vor der Toilettentür standen und offensichtlich jemanden darin zum Aufmachen
bewegen wollten.
Scheinbar war sie also doch nicht defekt.
Alles war mucksmäuschenstill.
Antwortete jemand?
"So machen sie doch auf!"
Wieder dieses Hämmern.
Drinnen blieb es aber still!
"Ja, was soll denn das?" ärgerte sich Sylvia.
"Ich würde auch nicht aufmachen, wenn jemand wie wild gegen die Tür
bollert!"
"Der oder diejenige ist da aber auch schon sehr lange drin", gab Herr Grundmann
zu bedenken.
Frau Kaddig strickte weiter. "Vielleicht ist ja jemandem schlecht geworden
- dann könnte man aber auch herausrufen, daß alles in Ordnung
ist, oder?"
Was sollte man nun davon halten?
Der Zugführer kam hinzu: "Hören sie, wir müssen die Tür
öffnen, wenn sie es nicht tun!"
Alle lauschten - es rührte sich aber nichts auf der Toilette.
Der Herr Zugführer holte seine Schlüssel hervor, vergewisserte
sich, daß seine beiden Kollegen derselben Meinung waren und schloß
auf!
Sehen konnte niemand etwas, nur hören.
"Ich möchte doch nur zu meiner Tochter",
kam es leise aus dem kleinen Raum. Man schaute sich betroffen an. Es war
eine ältere Männerstimme gewesen. "Ich muß heute doch zu
ihr!" Jetzt sahen wir ihn auch. Etwas heruntergekommen war er ja schon.
Unrasiert, lange Haare, aufgetragene Sachen hatte er an.
"Haben sie eine Fahrkarte?" fragte der Zugführer gleich als erstes.
"Nein", gestand der Mann.
Das hatten alle irgendwie befürchtet.
"In diesem Fall müssen Sie am nächsten Bahnhof aussteigen! Wie
heißen sie?" Der Zugführer holte seinen Block hervor. Der Mann
konnte das alles scheinbar gar nicht verstehen. Er stand immer nur - brav
die Fragen beantwortend - daneben und murmelte immer wieder etwas von
seiner Tochter.
Müller, Walter. 63 Jahre alt,
als Kind immer schon etwas schwierig gewesen
Der Zugführer wies ihm einen Platz direkt neben unserer jungen Frau zu und verschwand mit Amtsmiene.
Er sah niemanden an und sagte nichts. Den Kopf
hielt er gesenkt.
"Bleiben sie hier sitzen, bis der Zug wieder hält!" meinte noch einer
der Schaffner.
Hmmm.
Wie sollte es nun weitergehen?
Keiner sagte etwas.
Der junge Mann goß Tee in einen Becher. "Möchten sie etwas Tee?"
fragte er und schob den Becher zu dem Mann hinüber.
Alle warteten gespannt auf eine Reaktion.
Aber er reagierte nicht.
"Was sollen wir denn jetzt tun?" flüsterte Frau Kaddig.
Achselzucken.
Der Zug würde in 40 Minuten wieder anhalten.
"Wir können es doch nicht zulassen, daß sie ihn so einfach aus
dem Zug schmeißen!" meinte Sylvia.
"Hören Sie, mein Herr, wir werden Ihnen helfen,
aber vielleicht sollten Sie uns etwas sagen?!" Frau Kaddig hatte die Sache
damit in die Hand genommen. "Nun trinken Sie ersteinmal einen Schluck Tee,
dann bekommen wir alles wieder hin!"
Er blickte vorsichtig auf, nahm den Becher und schloß beim Trinken
die Augen.
Vorsichtige Erleichterung.
"Wie heißen Sie denn?" fuhr sie fort.
"Mein Name ist Walter Müller," antwortete der Mann zurückhaltend
und trank wieder einen Schluck.
Die junge Frau schob ihm demonstrativ und mit anbietender Geste die Lebkuchendose
hin und Herr Grundmann ebenso eine seiner Servietten.
Das Kerzenlicht schien warm in Walter Müllers feuchten Augen wider.
Nun waren alle sichtlich gespannt: Was würde er sagen? Wen würde
er ansehen? Dachte er überhaupt etwas? - Ach, ist das
aufregend!
Eine gewisse Verzückung oder Verschmitztheit kann ich auch meinerseits nicht abstreiten. Wäre das alles eigentlich nicht so ernst, wäre diese Sache hier geradezu komisch. Die sechs Weihnachtsforscher verharren mit allen zwölf Augen und Ohren auf diesen - ja, auf jeden Fall interessanten geknickten Mann.
"So spannen sie uns doch nicht so auf die Folter,
Herr Müller!" Frau Kaddig ertrug die Spannung nicht.
"Was ist mit ihrer Tochter und warum schließen sie sich deshalb auf
dem Klo ein ...", setzte Sylvia gleich nach "... wenn man fragen darf."
"Das ist jetzt doch ohnehin alles egal, am nächsten Bahnhof muß
ich aussteigen und dann ist alles so, wie es wahrscheinlich auch sein soll!"
Da, er hatte etwas gesagt!
"Nun mal nicht gleich den Kopf so hängen lassen!" sagte ich, "Wir werden
Ihnen helfen!"
"Und wie?" fragte er skeptisch.
"Nun ja, wir werden das schon ...irgendwie ...wäre ja gelacht, wenn
wir ... nicht wahr?"
"Nun erzählen sie doch schon - und zwar von
Anfang an!" rettete mich Herr Grundmann. Dabei wollte ich nur ein bißchen
praktisch sein.
"Na gut, was soll's. - Ich habe eine Tochter, Anna, die wohnt mit ihrem Mann
und den beiden Kindern in Flensburg. Das habe ich aus der Zeitung erfahren,
..." Herr Müller holte ein beanspruchtes Stück Papier aus einem
kleinen Buch in seiner, naja, Jackentasche.
War ich zufrieden!
"Kommt das jetzt im Fernsehen?" fragte Frau Kaddig.
Sie war immer noch ganz angeregt.
"Das nehme ich an!" sagte die Reporterin und biß in den Lebkuchen.
"Das kann eine interessante Geschichte werden. Die Redaktion sucht auf jeden
Fall schon Ihre Tochter, Herr Müller."
Der war überglücklich. So viele Menschen, die sich nur um ihn
kümmerten.
"Einmalig, wie gemütlich das hier ist. Ich fahre oft mit dem Zug, aber
so wie hier..." Die Reporterin lehnte sich zufrieden mit einer Tasse Tee
zurück. "Vielen Dank noch für den Tip. Sie sind doch Sylvia, oder?"
Sylvia nickte. "Soetwas hat man nicht alle Tage, daß man auch einmal
von etwas Schönem berichten kann! Eigentlich hätte ich heute frei
gehabt, aber mein Freund arbeitet auch beim Sender, und wir wollten dort
mit ein paar Kollegen unterm Weihnachtsbaum sitzen. Weihnachten war mir immer
etwas fremd. Hektik ist mein Beruf, und da brauche ich nicht auch noch den
Einkaufs-Geschenke-Koch-Back-und-Organisier-Wahn!"
Es piepste. Sylvia, die Reporterin, der Kameramann
und Herr Grundmann griffen in ihre Taschen. Es klingelte aber nur das Handy
der Reporterin.
"Hmm, ja, oh, schön, ist in Ordnung, ja, OK, bis gleich!"
Sie legte auf und strahlte uns entgegen, daß das Band gesendet worden
war und eine Menge Leute beim Sender angerufen hätten. "Außerdem
wissen wir, daß Ihre Tochter ab Hamburg fliegt!" sagte sie.
Begeisterung. Wir waren im Fernsehen gewesen! Die beiden Kinder der jungen
Frau bekamen von all dem immer noch nichts mit. Wie es sich für Kleinkinder
gehörte, schliefen sie fest und ruhig. Draußen war die Landschaft
ganz weiß, und es schneite noch kräftig dazu. Weiter weg waren
Häuser und Straßen erleuchtet. Bäume glänzten. In den
Herzen ist's warm.
Der Zug hielt wieder. Der Bahnsteig war voller
Menschen. Manche hatten eine rote Weihnachtsmannmütze auf. Sie winkten,
als sie unseren Waggon mit den Fensterbildern vorbeifahren sahen. Die Türen
gingen auf, und einige stiegen ein, und es wurde voll in unserem Wagen.
"Fröhliche Weihnacht!" riefen einige.
Sie hatten alles dabei: Kaffee, Tee, Glühwein, Kuchen, Nüsse und
noch vieles anderes mehr.
Der Zug fuhr wieder an. Draußen winkten die Leute immer noch. Sie hatten
mit Schneespray "Frohe Weihnachten!" quer über den Wagen gesprüht,
außerdem Engelsmotive und Sternschnuppen.
Dann öffnete sich die Tür zu unserem Abteil, und ein eineinhalb
Meter großer Tannenbaum wurde hineingeschoben.
Es ging drunter und drüber, und wir saßen mittendrin und staunten.
"Wir haben Sie im Fernsehen gesehen - tolle Sache!"
Herr Müller mußte viele Hände
schütteln, Frau Kaddig gab bereitwillig Auskunft über ihr neuestes
Strickmuster, ein paar Mütter bestaunten die beiden schlafenden Kinder
der jungen Frau.
Herr Grundmann zeigte die Bilder von seiner Familie, Sylvia diskutierte mit
dem jungen Mann über den Verbleib weihnachtlicher Spendengelder.
Und ich? Ja, ich freute mich nur über alles, was da geschah. Ich hatte
meine Beine ausgestreckt und balancierte eine Tasse Tee auf meinem Bauch.
Zu Hause erwartete mich eine Menge Arbeit, aber glücklich war ich trotzdem.
Schließlich war Heilig Abend, es schneite sanft und leise, fröhliche
Weihnacht überall ...
Die vielen Engel erinnerten mich an daheim. Über Engel und Weihnachten hatten wir hier überhaupt noch nicht gesprochen. Diese leiblichen Wesen mit ihren schönen Stimmen. Leise huschen sie an Weihnachen ganz besonders geschäftig um uns herum. Sie lassen es erst richtig glitzern und funkeln - draußen und drinnen, in uns. Da ist dann auch wieder das Licht. Das hin und her zwischen hell und dunkel. Im Waggon haben die Schaffner das Licht gedimmt, die Kerzen scheinen viel heller. Die Umrisse der Leute verschwimmen, heimelig wird es jetzt, still und leise ...
Welche Größe haben Sie, Herr
Müller?" Ein Schaffner hatte gefragt. Wir könnten eine Durchsage
machen - irgendjemand von den vielen Menschen in diesem Zug muß doch
Ihre Größe haben und ein wenig Gepäck entbehren können!"
Na, ich weiß nicht so recht, fremde Sachen ..."
Ach was, Herr Grundmann!" Frau Kaddig hatte ihren energischen Ton.
Die Sache ging in Ordnung, und der Schaffner griff zum Mikrofon: Meine
Damen und Herren, darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten! Wir suchen für
Herrn Müller ein paar angemessene..."
Frau Kaddig war zuversichtlich und spekulierte auf einen dunkelblauen Anzug,
vielleicht mit Weste, blaues Hemd, ...
Als erstes kam eine Frau mit einem Beutel. Guten Tag! Ich heiße Angelika und würde Ihnen gerne die Haare schneiden!" Sie zauberte einen Umhang hervor und wickelte ihr Werkzeug aus einem Tuch. Das würde sie in ihrer Familie ständig machen...
Offensichtlich war alles in guten Händen.
Herr Müller wurde immer selbstbewußter, redete ununterbrochen
mit den ganzen Leuten, die um ihn herumschwirrten. Fred filmte ebenso eifrig
und die Radioreporter erstatteten pflichtgemäß ihre Berichte aus
dem Weihnachtszug.
Der Zugführer kam ganz entgeistert zu uns: In Hamburg ist die
Hölle los! Ich habe soeben mit den Kollegen gesprochen - der Bahnhof
platzt aus allen Nähten. Die Bahnsteige sind voller Menschen. Alle wollen
zu diesem Zug oder am liebsten gleich mitfahren. Soetwas habe ich noch nie
erlebt!"
Herrn Müllers Tochter fährt mit dem Zug nach Hamburg ...",
die Reporterin drängelte sich durch die Hemd-und-Krawatten-vergleichenden
Herren. Meine Redaktion hat ganze Arbeit geleistet, wir haben den Sohn
erreicht. Sie kommt eine viertel Stunde nach uns dort an."
Nun wurde es ernst - in weniger als einer halben Stunde würde Herr
Müller seine Tochter wiedersehen.
Die eifrigen Herren hatten sich zu Frau Kaddigs Wohlgefallen für Blau
entschieden.
Als Herr Müller aus der Toilette kam, erklang ein allgemeines 'Ohhh!',
und die Leute applaudierten. Zehn Minuten waren es noch bis Hamburg - eine
Rekordzeit, wie auch Angelika, unsere fleißige Frisörin,
bestätigte. Herr Müller fühlte sich außerordentlich
gut - so gut, wie schon lange nicht mehr! Er wußte gar nicht, was er
sagen sollte, obwohl er ja die ganze Zeit schon so viel erzählt hatte
- oder vielleicht gerade deshalb.
Man schaute ihn ergriffen an, das war schon etwas Tolles, was hier geschehen
war.
Alle Unterhaltungen wurden leiser, nachdenklicher. Ein Hamburger Seebär
war in den Wagen gedrängelt und hatte sich neben den Weihnachtsbaum
gestellt, der mittlerweile unter dem ganzen Schmuck kaum noch zu sehen war.
Er hatte ein Akkordeon umgeschnallt und fing leise an zu spielen.
Das Lied kannten alle. Wir stimmten zaghaft mit ein, und nach und nach sang der ganze Waggon. Die Kerzen schienen noch heller, und draußen war alles noch weißer, als es je gewesen war. Stille Nacht. Hatte hier Weihnachten Einzug gehalten?
Wer ganz genau hinsah, der sah draußen neben dem Zug vielleicht auch ein paar helle, huschende Bewegungen, ich jedenfalls sah sie.
Wer hätte das gedacht?
In einem Zug mit ein paar Menschen, die vielleicht nicht ganz so sind wie
ich - aber auf jeden Fall so wie alle anderen - entsteht eine Idee von
Weihnachten und bringt sie zusammen.
Die Big-Band stimmte nun 'Jingle-Bells' an, und alle sangen mit, von der
Lautsprecherdame bis hin zum Brezelverkäufer.
Herr Grundmann hatte sich offensichtlich entschieden,
den heutigen Abend nicht in einem Meeting zu verbringen und telefonierte
mit seiner Frau.
Frau Kaddig und all die anderen würden eines ihrer schönsten
Weihnachten feiern können - da war ich mir sicher.
Der Gesang der Leute in diesem Bahnhof, das Mitfühlen vor den Fernsehern
und Radios war wunderbar - aber ich für meinen Teil muß noch eine
Menge erledigen, damit das auch wieder ein ganz besonderes Weihnachten wird,
mindestens so besonders wie das im letzten Jahr.
Meine eifrigen Helfer hatten mich schon seit einiger Zeit daran erinnert
und flogen neben dem Zug her. Mein Schlitten war wieder flott ...
Frohe Weihnachten!
© Martin Böhnke 1998