Der Weihnachtsmann bringt Dich wieder zurück Santa Kaddig

Der schmale Kontoauszug war wie immer ehrlich. Von der ebenso schmalen Rente war kaum etwas übrig geblieben in diesem Monat. Aber den Eindruck, bei dem unterkühlten Spiel auf dem Papier von Belastungen und Gutschriften nicht dabeigewesen zu sein, noch nicht einmal zum Mitspielen aufgefordert gewesen zu sein, wird man nicht los - die spielen ohne einen. Soll und Haben führen einen Stellungskrieg im Gebiet des Soll - aber so klagt ja jeder, also ist es nichts Ungewöhnliches oder gar Erwähnenswertes. Trotzdem. Nach der Wut kommt die Traurigkeit über das Spielergebnis. Schließlich ist bald Weihnachten, und Johanna wünschte sich so sehr ein neues Paar Schuhe, in denen ihr das viele Stehen und Gehen nicht so schwer fällt. Und dann war da noch dieser schwere blaue Wollmantel, an dem sie jedes Mal, wenn die beiden durch die Stadt kamen, irgendwie noch einmal vorbeigehen mußte. Das sollte niemand wissen und irgend etwas furchtbar Wichtiges gab es in der Nähe dann doch noch zu machen. Das war eben einer der Träume, die man vor großen, schönen Schaufenstern träumt - nur träumt. Ihr kleines Gehalt, das sie mit den paar Stunden in der Woche verdiente, reichte gerade als Ergänzung für Wohnung und Essen aus. Herr Kaddig sah ein, daß es dieses Jahr eben auch ein schmales Weihnachten werden müßte. Wie es sich nun für eine ordentliche Weihnachtsgeschichte gehört, wird Herr Kaddig einen Weg suchen, seine Johanna mit Mantel und Schuhen zu überraschen. Man stellt sich dem Filialleiter vor. "Ja, Herr Kaddig!" sagte dieser, "Prächtig, wirklich prächtig!" und musterte ihn immer wieder aufs Neue. "Dieser Bauch, Ihre Stimme - alles einmalig, Herr Kaddig!" Herr Kaddig hatte gar nicht viel gesagt, aber es schien zu genügen. Die Sekretärin maß noch schnell seinen prächtigen Bauch, dann gab man sich die Hand. "Bis Samstag dann, Herr Kaddig!" Und schon stand er wieder auf der Straße. Na ja, viel würde es ja nicht sein, aber reichen müßte es, dreimal in der Woche ein paar Stunden - und Spaß machen würde es auch! Johanna kam ganz geschafft nach Hause. "Da wird es von Tag zu Tag schlimmer! Wer weiß, wo das noch hinführt, und das so kurz vorm Fest!" klagte sie in ihrer großmütterlichen Art, obwohl sie eigentlich gar keine Großmutter war. Die Rede war von der Familie, bei der sie als Hausangestellte arbeitete. Mann und Frau, zwei Kinder, stattliches Haus, große Firma in Familienbesitz - da blieb anscheinend, wie Johanna immer wieder erzählte, keine Zeit füreinander. "Die Kinder sind ja immer die Leidtragenden..." Herr Kaddig freute sich indessen auf Samstag. "... und am Samstag, wenn ich wieder da bin, geht das sicherlich wieder weiter!" Samstag morgen. Herr Kaddig war sich gar nicht mehr so sicher, ob er es wirklich wagen sollte, die Ausübung eines Teilzeitberufes neben seiner Tätigkeit als Rentner vor seiner Frau zu verheimlichen. Sie kannten sich nun schon seit 55 Jahren, und seit 46 Jahren waren sie verheiratet. Johanna kannte ihren Herrmann - sie wußte, was er wann dachte, wie er sich verhielt, wenn er etwas verheimlichen wollte. Und Herrmann wußte, daß Johanna das wußte. "Mein Gott, Herrmann, was machst Du denn da? Gib doch Acht...!" Aber da war es schon passiert, der Kaffee quoll über das Zwiebelmuster, Tasse, Untertasse, Tischdecke, Hose und Küchenfußboden, Hausschuhe. "Och Herrmann, diese Sauerei, nein, das so kurz vor der Arbeit. Ich muß doch gleich los, ach Herrmann, wo bist Du bloß mit Deinen Gedanken, und so nervös..." Herrmann ließ wortlos die Pantoffeln im Kaffee zurück und ging, sich eine frische Hose anziehen. Hoffentlich merkte Johanna nichts - manchmal war sie entwaffnend scharfsinnig, wenn sie sich über ihn ärgerte. Als er zurückkam, war natürlich schon alles wieder tipptopp. Johanna - schon in ihrem schwarzen Kleid mit der feinen weißen Spitzenschürze - leerte gerade den Eimer und wrang den Putzlappen aus. "Also wirklich, Herrmann, ich weiß nicht, was mit Dir los ist, den ganzen Morgen schon!" "Ich...", setzte er zu einer Erklärung an, besann sich aber eines Besseren. Ihm wäre nichts Plausibles eingefallen, und für Johanna mußte es schon plausibel sein - sonst käme es noch schlimmer. "Daß Du wieder nichts dazu sagst, war mir ja klar - denke wenigstens an die Feier bei Krensmann heute abend - ich komme direkt von der Arbeit dorthin. Um sechs, klar? Und zieh Dir was Vernünftiges an!" Krensmann!!! Das hatte er vergessen. Heute war ja verkaufsoffener Samstag - bis sechs, sein erster Tag. Herr Kaddig bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen, der Schreck dieser späten Erkenntnis saß tief. "Na, was guckst Du denn so begossen drein, ich habe auch nicht die größte Lust dahin, aber es war schließlich Dein Kollege. Also bis heute Abend!" Damit war sie schon zur Türe raus. Von unten schallte es dann noch: "Und sei mir ja pünktlich!" - Und das gleich am ersten Tag. Die Jacke paßte wie angegossen um den prächtigen Bauch. Der schwarze Gürtel, die passenden glänzenden Stiefel, Hose und Mütze sowie der prächtige weiße Rauschebart - "Ein Traum in Rot und Weiß - prächtig, Herr Kaddig, prächtig sehen Sie aus! Ich habe es ja gewußt. So, hier ist Ihr großer Geschenkesack - und denken Sie daran: Kaufen für Weihnachten geht durchs Herz, dafür sind Sie da, Herr Kaddig - oder soll ich sagen: Santa Kaddig, ho ho ho..." Laut lachend verschwand er wieder in seinem Büro. Die Sekretärin lächelte den Weihnachtsmann an: "Das steht Ihnen wirklich gut!" Herr Kaddig lächelte zurück und setzte sich vor dem Spiegel in die richtige Pose. Ja, so stimmte es. Er nahm seinen Sack und schritt - sich bei jedem Schritt seiner Aufgabe und Wirkung bewußt - durch die noch leere Passage. Von den Balkonen und Galerien herab, im hohen Raum aufgehangen, in den Schaufenstern und auf dem Boden prangten die prächtigen, üppigen, glitzernden und einfach überdimensionalen Dekorationen in Rot, Grün und Gold. Riesige Schleifen, funkelnde Kerzen, pummelige Weihnachtsmänner, ausladende Tannenzweige und ganze Weihnachtsbäume im traditionellen Silberglanz - man könnte meinen, es sei schon Weihnachten ... zumal es auch noch so roch. Zimt und Tanne ... der Weihnachtsmann ließ sich überwältigen von der Vielfalt der Reize und geriet ins Träumen ... Lebkuchen, Zimtsterne, draußen alles weiß, Eisblumen im Fenster. Ach ja, es ist doch immer wieder schön. Das Glänzen in den Augen der Menschen, egal, woher man kam, was man besaß, Weihnachten waren doch alle gleich, da gab man gerne - lieber als sonst, war freundlich und hilfsbereit. Als Kinder haben wir gewetteifert, wer am bravsten war, und gemutmaßt, wer warum eine Rute bekommen würde - und dann die Angst vor dem Weihnachtsmann, oder besser: die Ehrfurcht und der Respekt, wenn er in das große eingeschlagene Kochbuch sah - Herr Kaddig lächelte innerlich. Und dann diese todernste Miene hinter dem Ziegenfellbart ... "Hey, Du da! Weihnachtsmann!" Das Kaufhaus füllte sich mit Menschen, schlagartig hatte ihn die Realität wieder - und jetzt war er der Weihnachtsmann. Das kleine Mädchen zupfte an seiner Jacke. "He Du, Weihnachtsmann!" Herr Kaddig war nicht mehr ganz bei der Sache. Der Tag war lang gewesen. "Weih - nachts - mann!" wiederholte das kleine Mädchen. Automatisch griff Herr Kaddig in den Geschenkesack nach einem Minikuscheltier. "Was ist denn, mein Kind?" Er sah das Mädchen nun an. Unheil. Dieser Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes. Die Kleine war, wie man so sagt, ganz auf Draht und beäugte jede seiner Gesten und Bewegungen, lauernd. Dabei sah sie ganz süß aus in ihrem roten Wintermäntelchen, die blonden Haare, die Schleife darin. Mit einer wohlmeinenden Geste streckte Herr Kaddig ihr das Kuscheltier - eine braune Maus - entgegen. "Hier, mein Kind! Fröhliche Weihnachten! Und sei schön brav, damit ich am Heiligen Abend auch wiederkomme!" Der Weihnachtsmann wollte sich am liebsten auf die Zunge beißen. Alle Zeichen im Gesicht des Mädchens stellten sich auf Sturm - oder besser: Angriff. "Ich bin immer lieb, und außerdem bist Du gar kein richtiger Weihnachtsmann!" raunzte sie ihn an und warf ihm die Maus vor die Stiefel. Herr Kaddig war ganz von der Rolle. Die war noch keine fünf Jahre alt, und als er gerade mit einem versöhnlichen "Aber nicht doch, mein Kind, wer sagt denn so etwas..." ansetzen wollte, sprang sie ihm auf den Bauch, klammerte sich an seinen Hals und riß ihm den künstlichen Rauschebart aus dem Gesicht. "Da! Das ist gar kein Weihnachtsmann! Mama, komm mal, das ist gar kein Weihnachtsmann!" Herr Kaddig war mit dieser Situation mangels Erfahrung als Weihnachtsmann oder wenigstens Nikolaus schlicht überfordert. "Kaufen geht durchs Herz, Herr, Kaddig, das ist Ihre Aufgabe!" hörte er den Filialleiter sagen. Er spürte die hundert Blicke auf sich, alle empört: das arme Kind! Er haltungslos als Weihnachtsmann ohne Rauschebart. "Was tun Sie da mit meinem Kind?" brüllte ihm eine Frauenstimme aus der Menge entgegen. Das Mädchen ließ ihn endlich los und rannte zur offensichtlichen Mutter. "Schämen Sie sich denn nicht, das Kind so zu erschrecken! Das ist ja unerhört!" Die Mutter, das Kind, die Menge wendeten sich ab. Das ist ja unerhört. Der Weihnachtsmann richtete notdürftig den Bart, als eine freundliche Lautsprecherstimme die Kundschaft aufforderte, den Laden zu verlassen, es sei gleich sechs. Sechs Uhr! Feier Krensmann!! Und sei ja pünktlich!!! Ich warte dort!!!! Dieses Problem hatte Herr Kaddig ganz verdrängt. Was sollte er anziehen? Erst nach Hause - nein, er kam ohnehin schon zu spät. Die Passage war fast leer, als er vor die großen Eingangstüren trat und zu den Treppen der U-Bahn hinüberging. Krensmanns wohnten nur etwa zehn Minuten von hier, Station Mendelssohnstraße. Einige Leute guckten sichtlich amüsiert und lächelten Herrn Kaddig freundlich hinterher, andere glotzten verständnislos bis mitleidig. Herr Kaddig hatte sich entschlossen. Irgendwie peinlich war es ihm ja schon, als er sich neben eine ältere Dame in der U-Bahn setzte. Auch sie strahlte ihn an. Er überlegte, ob er ihr ein Kuscheltier oder ein Spielzeugauto überreichen sollte. Er entschied sich für eine kleine Kuh und wünschte ihr ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest. Papenburger Platz. Die Dame stieg aus. Der Waggon war nicht besonders voll - erst ein paar Reihen weiter saßen zwei Frauen mit ihren Kindern. Die guckten schon die ganze Zeit neugierig zu dem Weihnachtsmann herüber, bis sich der kleinste von ihnen endlich traute, aufzustehen und langsam von Sitz zu Sitz auf Herrn Kaddig zuzuwanken. Dann plötzlich: Wendthausen. Die Mütter sprangen auf, und der mutige Kleine wurde zur Tür hinausgeschoben. "Komm schon, laß den alten Mann!" Dann: Mendelssohnstraße. Herr Kaddig stieg aus. Er war etwas traurig. Der alte Mann ging die Straße hinauf bis zur Nummer 125. Er klingelte, fuhr mit dem Fahrstuhl in den siebten Stock. Da stand Herr Anton Krensmann in der Tür und guckte ungläubig. "Ja, Herrmann!" stieß er dann hervor. "Komm doch rein, Deine Frau hat ja gar nicht gesagt, daß Du so ..., na ja!" Jetzt alles oder nichts, sagte sich Herr Kaddig, als er ins Wohnzimmer zu all den Gästen trat. "Ho ho ho ...", das hatte er ja schon geübt. "Also Herrmann, Du bist ja unglaublich. Wie bist Du nur auf dieses Kostüm gekommen?" fragte Johanna. Herr Kaddig zog sich die Decke bis ans Kinn und lachte verschmitzt. "Na, das ist ja auch egal, das war auf jeden Fall die schönste Feier seit langem, und die Meiersche hat vielleicht dumm dreingeschaut, als Du ihr erzählt hast, wie Deine Rentiere alle heißen. Also wirklich, Herrmann, eine tolle Idee." Johanna schwärmte vor sich hin. "Aber wo hast Du das Kostüm her? ..." Herrn Kaddig wurde heiß und kalt und rot und weiß zugleich. "... Doch sicherlich von dem neuen Verleih in der Grubenstraße, oder?" Geistesgegenwärtig stieß er ein sehr überzeugendes "Ja!" hervor. "Na, hoffentlich war es nicht so teuer." Dann schlief sie ein. Herr Kaddig wünschte sich, es sei schon Weihnachten, und der ganze Spuk hätte ein Ende. Noch so einen Tag hielte er nicht durch. Ein paar Tage waren vergangen. Weihnachten rückte näher, und Routine hatte sich bei Herrn Weihnachtsmann Kaddig eingestellt. Dienstag, Donnerstag und Samstag, wenn seine Frau arbeitete, beschenkte er große und kleine Kinder in der noblen Passage. "Kaufen geht durchs Herz!" Diesen fürchterlichen Spruch bekam er ständig zu hören. Und Herr Kaddig war herzlich, wo er nur konnte. Für jedes Kind hatte er ein offenes Ohr, die großen Probleme der Kleinen und auch die kleinen der Großen: "Entschuldigen Sie, wo ist hier die Wäscheabteilung?". Nun war schon der 7. Dezember, und da vielen der gestrige Tag noch im Gedächtnis war, hatte Herr Kaddig nun außer auf "Weihnachtsmann" auch auf "Nikolaus" zu hören. Er lernte viele Leute kennen. Besonders die Kinder kamen beinahe täglich, um dem gutmütigen Weihnachtsmann immer wieder ein kleines Geschenk zu entlocken. Überhaupt - dieses stetige Greifen und Haschen nach immer mehr und immer wertvolleren Dingen fiel doch schon sehr auf. Die Leute hasteten von einem Geschäft in das andere, um all' die neuen, besseren und teureren Sachen zu kaufen. Je teurer, desto besser, und je nutzloser, desto schneller. Nein, so konnte sich Herr Kaddig nicht an seine Weihnachten erinnern. So war es nicht all' die Jahre. Na ja, Johanna und er hätten auch gar nicht die Möglichkeiten gehabt, sich so zu überschenken. Aber sie hatten es auch nicht vermißt, am Heiligen Abend. Sie konnten alle Weihnachtslieder auswendig, saßen im dunklen Zimmer um den erleuchteten Baum und genossen diese einmalige Atmosphäre, die mit ruhiger Musik, sachte flammenden Kerzen und typischen Düften aufkommt. Und damals, abends in der warmen Dorfkirche, alle Bekannten kamen festlich zusammen, um zu singen, zu hören, zu beten. Damals waren noch Vater und Mutter dabei. Die Kinder alle, seine Geschwister, so gut es eben ging in den besten Kleidern, und dann zu Hause die Stube, das außergewöhnlich gute Essen. Die unglaubliche Spannung auf die Bescherung: ein wiederhergerichteter Pullover, ein paar Äpfel und Nüsse - vielleicht Schokolade, und die Freude war groß. Dann wieder Singen und Freuen über die neuen Sachen, die man bekommen hatte. So hatten es Johanna und er auch immer gehalten in all' den Jahren. Sie hatten ja keine Kinder, also jetzt auch keine Enkelkinder - ein bißchen einsam war es ja schon... "Ach, entschuldigen Sie, wo ist hier bitte ein Telefon? Mein Handy streikt..." Der junge Mann stand etwas hilflos mit seinem Handy in der einen, der Aktentasche in der anderen Hand vor dem stattlichen, wenn auch noch etwas verträumten Weihnachtsmann. "Dort hinten auf der rechten Seite, mein Herr! Und frohe Weihnachten wünsche ich Ihnen!" "Ja, ja, frohe Weihnachten." kam es leise zurück, und da war der Mann auch schon im Gewimmel der vielen Menschen verschwunden. Draußen war es jetzt Winter wie schon lange nicht mehr. Es schneite unaufhörlich in dicken Flocken. Der Wind peitschte gegen die großen Glastüren, und jedes Mal, wenn ein vermummter Kunde in die Passage trat, brach das weiße Getöse von draußen in die festliche Geschäftigkeit drinnen, der Boden war für kurze Zeit schneeweiß, und dieser Jemand schüttelte und klopfte sich eine ganze Weile, bis er zufrieden das Äußere wiederhergestellt hatte und sich unter die Kaufenden begeben konnte. Der Ärger über das Wetter draußen verschwand aus den Gesichtern; Fröhlichkeit nahm seinen Platz ein. Da kam schon wieder einer - aber nein, keine Spur von Stimmungswandel. Der blieb so dunkel, wie es draußen dunkel und kalt war. Wie schade. Der Weihnachtsmann sah es nicht gern, wenn die Leute so griesgrämig dreinschauten in seiner Passage - und der Filialleiter noch weniger, denn: "Kaufen geht durchs ...". Egal. Der Weihnachtsmann war irgendwie beleidigt. Im Laufe der Zeit fühlte er sich verantwortlich für die Kunden, die hier ein- und ausgingen - schließlich war er für das Herz zuständig ... "Frohe Weihnachten, junger Mann!" rief er und ging ihm strahlend und wichtig entgegen. "Ja, ja, frohe Weihnachten, das hatten wir schon!" Jetzt fiel es dem Weihnachtsmann wieder ein: der Mann mit dem Handy - ohne Zeit. Trotz dieser Abfertigung nahm er sich noch einmal zusammen. "Haben Sie eigentlich Kinder?" rief er ihm hinterher. Der Mann lief weiter, hielt dann inne und sagte im Umdrehen: "Ja - wieso?" "Ich habe mir gedacht, sie würden sich über ein kleines Geschenk freuen. Jungen oder Mädchen?" "Sowohl als auch, ich meine: von jedem eines." Der Weihnachtsmann griff tief und bedeutungsvoll in seinen Sack und brachte ein gelbes Stoffentenküken und einen kleinen Rettungswagen hervor. "Hier! Und richten Sie schöne Grüße an die Kleinen aus. Sie sollen schön brav sein. Der Weihnachtsmann weiß das nämlich alles - hoffentlich freuen sie sich auch darüber?" "Ich weiß nicht, aber doch, ich denke schon!" "Und nun Frohe Weihnachten, mein Herr!" sagte der Weihnachtsmann und sah überglücklich das leise Lächeln im Gesicht des jungen Mannes, der noch freundlich nickte und davonschlenderte. So müßte es öfter sein. Johanna war ganz außer sich. "Sollen wir denn den Bückeburgern nur eine Karte oder etwas im Umschlag schicken?" fragte sie laut, aber eigentlich doch nur sich selbst. Herr Kaddig hielt sich schon seit Jahren aus diesen schwierigen Entscheidungsfindungen heraus. "Aber wenn wir meiner Kusine Alma eine Karte schicken, müssen die Bückeburger eigentlich auch ... Herrmann, was meinst Du?" Das hatte Herrmann befürchtet. "Schicke ihnen doch beiden eine Karte, eine einfache Postkarte!" Das hätte er nun wieder nicht sagen dürfen. "Aber Herrmann, ich kann doch Alma keine einfache Postkarte schicken. Du bist mir vielleicht eine Hilfe! Die schicken doch auch immer etwas im Umschlag!" Na bitte, er hatte es wenigstens versucht. Das Telefon klingelte. Die beiden guckten sich an, Johanna und Herrmann. Wann hatte das Telefon das letzte Mal geläutet. Herr Kaddig nahm ab. "Es ist für Dich, Johanna!" Er hielt ihr den Hörer hin. Wenig später legte sie wieder auf. "Ich muß noch einmal weg!" sagte sie. "Die gnädige Frau braucht mich dringend heute abend." Sie ging sich umziehen. Herr Kaddig wußte nicht so genau, was er nun tun sollte. Was wäre, wenn sie dafür nächstes Mal früher gehen könnte? Dann mußte er sich schon etwas einfallen lassen - wie sollte er seiner Johanna erklären, daß er nicht zu Hause war, so außer der Reihe? Und krankmachen konnte der Weihnachtsmann ja auch nicht so einfach. "Ich gehe dann, Herrmann!" Herr Kaddig brachte sie noch bis auf die Straße hinaus. "Paß gut auf", sagte er. "Es ist glatt!" Eine kurze Umarmung, und beide wandten sich zum Gehen. Tim und Lisa waren noch auf, als Johanna die Halle betrat. "Sie sind Gold wert! Daß Sie jetzt noch kommen und den weiten Weg machen, bei diesem Wetter ..." Die gnädige Frau erklärte, daß ihr Mann wohl noch in der Firma wäre, sie aber dringend zu einem Essen müßte - und, ja, die Kinder - es sei wirklich lieb von ihr. Johanna half ihr in den Nerz, die gnädige Frau sah fabelhaft aus. "Fahren Sie vorsichtig, gnädige Frau, es ist sehr glatt." Dann wandte sie sich den Kindern zu. "So, und Ihr geht nun langsam ins Bett. Es ist schon spät." "Du mußt uns aber noch etwas vorlesen, Oma Hanna!" Johanna nickte, und die Kinder stapften die Treppe hinauf, um sich fertig zu machen. Natürlich mußte Johanna "Hänsel und Gretel" vorlesen - dieses Märchen interessierte sie am meisten. Die Herrschaften ließen auf sich warten ... Beim Frühstück kam es heraus: Sie würde früher nach Hause kommen! Herr Kaddig hatte für diesen schlimmsten aller Fälle vorgesorgt. "Ach, Hanna?" So nannte er sie immer, wenn er sie in Sicherheit wiegen oder etwas von ihr wollte. "Hanna, heute nachmittag in Fronfeld, da treffen sich die Streckenarbeiter in der Bahnklause. Willi hat angerufen und gefragt, ob ich auch dabei sein könnte. Sie zeigen wieder Fotos von meiner Strecke damals. Na ja, ein Bier zusammen und so ein bißchen erzählen von damals - nicht auf dem Ehemaligentreffen, sondern nur wir. Willi und die anderen ..." Und? Nimmt sie es ihm ab? "Ach, Willi! Den haben wir ja schon ewig nicht gesehen. Das ist ja schön!" Herr Kaddig war steif vor Aufregung. Hatte er zu dick aufgetragen? "Na, Herrmann, dann muß ich wohl heute abend allein essen ..." Den Rest hörte er gar nicht mehr, die halben Alpen fielen ihm vom Herzen. Seine ehemaligen Kollegen waren als Ausrede also jetzt schon verschossen. Beim nächsten Mal würde es nicht mehr so leicht. Sein Tag als Weihnachtsmann verlief wie immer. Wuselige Menschenscharen zur Adventshalbzeit. Nur noch zwölf Tage. Der Filialleiter, übrigens mit dem passenden Namen Pfennig, war äußerst zufrieden mit Herrn Kaddig. "So einen guten Weihnachtsmann hatten wir schon lange nicht mehr. Wirklich, Herr Kaddig, ich bin sehr zufrieden mit Ihnen. Manche Leute kommen nur Ihretwegen hierher. - Nein, wirklich, nicht so bescheiden, Herr Kaddig. Sie sind eine richtige Bereicherung!" Die Sekretärin nickte zustimmend. Herr Pfennig stellte dem Weihnachtsmann einen zusätzlichen Bonus in Aussicht - ein Geschenkgutschein für die Läden der Passage. Er bedankte sich. Bald war Feierabend, dann würde er langsam nach Hause fahren und von dem Treffen in Fronfeld berichten, schöne Grüße von Willi ausrichten. "Frohe Weihnacht, Herr Nikolaus!" Na sowas. Der junge Mann. Heute sah er traurig aus und unausgeschlafen. "Frohe Weihnachten!" grüßte Herr Kaddig zurück. Der junge Mann zögerte und setzte sich auf eine der schönen Bänke. Er stellte seinen Koffer langsam neben sich und sah aus, als wollte er etwas sagen. Sie guckten sich an, der Weihnachtsmann kam ihm zu Hilfe und fragte: "Wie geht es den Kindern?" und setzte sich daneben. Der junge Mann schien erleichtert. "Oh, die haben sich sehr gefreut über die Geschenke ..." Und er kam ins Reden. Zögerlich, aber Herr Kaddig brauchte gar nichts zu sagen. Es ging um das Wetter, das Problem im Einzelhandel, die Renten - und da konnte Herr Kaddig ja nun auch etwas zu sagen. Jansen hieß der junge Mann, alte Geschäftsfamilie, im Ausland studiert, Internate besucht, Vater und Mutter waren kaum zu Hause. Nun, die typische Geschichte eben. Er hatte nichts Besonderes erzählt oder sich von der Seele geredet, schien aber sehr erleichtert, als er plötzlich aufstand, den Aktenkoffer nahm und gehen wollte. "Entschuldigen Sie bitte, ich kenne Sie ja eigentlich kaum, aber Sie hörten so gut zu ... Du meine Güte, schon eine halbe Stunde! Ich muß jetzt wirklich gehen." Der Weihnachtsmann gab ihm noch zwei Tafeln Schokolade mit, für die Kinder. "Keine Ursache!" Weihnachtsstreß - das bekam Johanna hautnah mit. Ihr Herrmann war ja nach außen die Ruhe selbst; Karten, Geschenke, Essen, Baum - das ließ ihn nicht aus der Fassung geraten. Bei ihnen lief es deshalb seit Ewigkeiten ganz ruhig und reibungslos, das Weihnachtsfest. Bei Jansen hingegen - du meine Güte! Wie im Film, wie in Weihnachtsgeschichten, böse Worte, Das war doch so abgemacht, Ich?, Wieso ich?, Es ist jedes Mal das Gleiche mit dir! - nun, der übliche Krach im Hause. "Ich habe Euch etwas mitgebracht! Es ist vom Weihnachtsmann, ein kleiner Vorschuß sozusagen", sagte der gnädige Herr, als die Kinder die Treppe herunterkamen. Er gab ihnen die zwei Tafeln Schokolade. "Du weißt doch, daß wir gleich essen", kam es da unwirsch aus der Küche. Die gnädige Frau war mit der Schokolade ihres Mannes gar nicht einverstanden... Johanna brachte die Kinder in die Küche zum Essen und dann ins Bett. Donnerstag, 13. Dezember. Der Weihnachtsmann tat wie immer seine Pflicht, das Herzliche... . Er hatte schon einmal nachgerechnet: mit dem, was er so zur Verfügung hatte und dem, was er schon verdient hatte, war der Mantel schon drin, und etwas kam ja noch dazu in den nächsten Tagen. Die Schuhe - dafür würde es wohl auch reichen. Dann machte das Arbeiten doch gleich viel mehr Freude, für den Menschen, den man liebt. Es waren ja schon so viele schöne Jahre. Frank Sinatra gab sein "My way" zum Besten, der Weihnachtsmann sprudelte vor Gefühl und Erinnerungen, Sinatra, das spielten sie hier oft. Der Weihnachtsmann machte nun seine Runde weiter. Die Passage war voller Festlichkeit, ja fast Andacht.- So war das noch nie. Die Leute so beschwingt, wandelnd. Man merkte gar nicht, daß es nur noch 11 Tage bis Weihnachten waren und die Hälfte aller Geschenke noch ausstand. Die Ruhe vor dem Sturm, da war sich Herr Kaddig sicher. Es war kurz vor sieben. Zeit für Herrn Jansen. Der Weihnachtsmann war zu dieser Zeit schon automatisch in der Nähe des Ausgangs, er hatte extra zwei kleine Rentiere übrigbehalten. Er kam fast regelmäßig Dienstag und Donnerstag. Und da war er ja auch schon. Hastig wie immer, sogar noch am Telefonieren: "...morgen im Meeting? Okay. Bye!" Handy in den Mantel, Aktenkoffer neben die Bank, ein Seufzer und er sitzt. "Schwerer Tag?" fragt der Weihnachtsmann. "Meinen Sie das Büro? - Das ist halb so wild. Zuhause, jaaaahh..." Er zögert und guckt verlegen auf den Boden. "Ärger mit den Kindern? Wissen Sie, ich selbst kenne das ja gar nicht..." "Nein, meine Kinder machen keine Probleme. Wir sind es, meine Frau und ich!" Daher wehte also der Wind. Herr Kaddig war überrascht. Daß Herr Jansen so offen wurde ... ? Sie hatte sich ja nun schon oft gesehen, aber immer eher Wetter, natürlich Geschenke. Überhaupt hätte er nie gedacht, daß dieser wohlhabende, erfolgreiche junge Vater ausgerechnet in der Familie Probleme haben könnte. Herr Kaddig mußte irgendwie jetzt etwas sagen, etwas Verständnisvolles, Tröstendes, ... . "Ja, verstehen Sie beide sich denn nicht mehr?" - Na ja ... - "Ach, verstehen. Es läuft alles irgendwie so auseinander." Oh je, Hoffnungslosigkeit machte sich breit. Alter Mann, junger Mann - das hatte man doch schon so oft gesehen. "Ich war vielleicht nicht älter als sechzehn oder siebzehn. Wir waren aus der Stadt aufs Land gezogen. Neben unserem neuen Haus wohnte eine Familie, wie wir, im gleichen Alter eben. Ich hatte schon meine Ausbildung bei der Reichsbahn begonnen. Der nächste Ort hatte einen Bahnhof, von wo aus ich früh morgens mit dem Zug in die Stadt zur Arbeit fuhr." Herr Kaddig setzte sich ebenfalls gemütlich seufzend neben den jungen Mann. "Ich mußte ganz schön weit laufen und kürzte natürlich, so gut es ging, durch die Wiesen ab. Auf den Wegen dazwischen fuhren die Bauern zum Melken raus. Und da kam es schon einmal vor, daß mich ein Pferdewagen mit klappernden Milchkannen überholte. So früh war sonst niemand auf den Beinen, und so lernten wir uns nach und nach kennen, die Bauersleute und ich. Dann nahmen sie mich auf ihren Wagen ein Stück mit, fast alle. Öfter hörte ich auch: 'He du, Stadtlümmel, mach den Weg frei!' hinter mir krakeelen. Das war die Tochter des Bauern, der seinen Hof neben uns hatte. Ich war nicht wirklich im Weg, aber sie brüllte mich trotzdem jedes Mal an und fuhr dann so dicht und schnell an mit vorbei, daß ich die großen Holzräder beinahe spüren konnte. Dieses verflixte Weibsstück! - Man war ja nicht auf den Kopf gefallen, Rache war angesagt. Am Abend vor ihrem Geburtstag hatte sie Kuchen für den nächsten Tag gebacken - etwas Besonderes damals. Anton, ein Freund von mir, klopfte vorn an der Haustür und fragte, ob denn alle Hühner im Stall seien, er hätte welche in den Gärten gesehen, worauf sie natürlich loslief..." Herr Kaddig grinste schelmisch. "... na ja, ich also rein und an den Kuchen, Zucker und Salz sind ja so schwer auseinander zu halten, und oben drauf fehlte noch ein wenig Zucker. Am nächsten Tag warteten die Gäste schon voller Lust auf den berühmten Birnenkuchen - und den Anblick einer Köchin im Moment ihrer Niederlage ..." Der Weihnachtsmann lehnte sich genüßlich zurück. "Und dann? Was dann...?" fragte der junge Mann ungeduldig. "In den nächsten Tagen regnete es, und große Pfützen bildeten sich in den Spuren auf den Feldwegen, und durch Pfützen preschen machte Spaß. - So kam es wieder zurück!" Herr Kaddig schloß hörbar hier seine Geschichte. "Ja und?" Der junge Mann war leicht irritiert. "Na, bei Ihnen und Ihrer Frau ist es doch wohl genauso. Nur Birnenkuchen und Pfützen - warum backen Sie ihr nicht einfach einen Birnenkuchen? Vielleicht nimmt Sie sie dann auf ihrem Wagen mit!" Herr Kaddig war hochzufrieden mit sich. Er war sich sicher, der junge Mann hatte etwas von seiner Geschichte mit nach hause genommen - er fühlte sich sehr gut damit. Freute sich auf Dienstag, da würde er ihn wiedersehen. Doch zunächst ... "Ach Herrmann, dieses Hemd ist dir doch eigentlich zu eng, oder?" Johanna war schon seit Tagen auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für ihn. Hemden und Socken testete sie grundsätzlich zuerst an. - Obwohl sie genau wußte, was er sich wünschte, ein Mann und seine Lokomotiven - dieser schöne Fotoband ... . Aber diese Bücher waren nicht ganz billig. Johanna machte sich fertig für ihre Arbeit und verließ das Haus. Die gnädigen Herrschaften wollten heute vormittag Geschenke einkaufen, und so war sie mit Tim und Lisa allein. Auch die Kinder waren voller Weihnachtsfieber. Ihre Wunschzettel hatten sie schon längst geschrieben und diskutierten eifrig, was der Weihnachtsmann ihnen wohl bringen würde. Johanna kannte ihre vielen Fragen schon: Ob der Weihnachtsmann denn weit weg wohne, und ob er sie auch nicht vergessen würde, und ob sie brav genug gewesen seien, und ob Mama und Papa in diesem Jahr keine Geschenke von ihm kriegen würden ... - das war neu. Es zog sie in den Schnee. Der Weihnachtsmann hatte heute alle Hände voll zu tun. Es war Samstag, nur noch zehn Tage bis zum großen Fest. Die Plüschrentiere gingen heute weg wie nichts, der große Geschenkesack war fast leer - mehr als zwanzig Kinder dürften heute nicht mehr kommen, sonst stünde er mit leeren Händen da, zum ersten Mal. Was würde wohl Herr Pfennig dazu sagen? Kaufen und Herz waren ja schön und gut, aber würde er auch den finanziellen Zusatzaufwand in Kauf nehmen? Der Weihnachtsmann war sich nicht so sicher... Da, um Himmels willen - eine Gruppe Kindergeburtstag, klar, die wollten hier ins Kino. Eins, zwei, drei - ganz viele! Und da hatten sie ihn entdeckt. "Nikolaus!" "Weihnachtsmann!" "Ich war auch immer lieb!" Der Weihnachtsmann suchte alle Ecken in seinem Sack noch einmal ab. Er war leer. Die Hände des kleinen Junge vor ihm auch. Alle hatten noch etwas abbekommen, nur er nicht. Das war das Ende der Routine - Neuland. "Warte einen Augenblick, mein Junge, der Weihnachtsmann muß kurz mit dem Knecht Ruprecht sprechen und neue Geschenke besorgen!" Von seiner eigenen Geistesgegenwart überrascht hastete er Richtung Verwaltung. Die Sekretärin stellte ihm morgens immer den Sack schon hin. Geschlossen. Natürlich, es war ja Samstag. Was nun? Wo sollte er für die letzten zwei Stunden und den kleinen Jungen die Sachen hernehmen? Einer der Händler hatte wohl sein Malheur beobachtet, auf jeden Fall rief er ihm hinterher: "Herr Kaddig, Herr Kaddig!" Es war Schmidt, von der Apotheke. Der Weihnachtsmann erläuterte schnell sein Problem. "Aber ich habe doch keine Spielsachen, Hustenbonbons vielleicht, oder Kopfschmerztabletten - aber für die Kinder? Ich sah nur, wie sie zum Pfennig hochwollten, und der ist ja nicht da!" Man überlegte kurz. Der kleine Junge jedenfalls bekam, wie alle anderen später auch, eine Kinderzahncremeprobentube und ein Zahnpflegekaugummi. "Fröhliche Weihnacht, mein Kind, und denke an deine Zähne!" Das war doch einmal etwas anderes als Schokolade. Der Sonntag war diesmal furchtbar. Es war der dritte Advent, und Johanna und Herrmann waren wie immer in der Kirche gewesen. Ein Familiengottesdienst. Und da ging es eben auch um Familie, das Fest der Liebe, der Kinder, Idylle eben. Johanna und Herrmann gingen schweigend nach Hause. Der Pastor hatte so viel erzählt von Beisammensein und Töchtern und Müttern und Vätern und Söhnen. Zu Hause war es still und kalt. Sie hatten vergessen, die Fenster nach dem Lüften zu schließen. Johanna ging gleich in die Küche, um Essen zu machen, Herrmann setzte sich und las noch einmal die Zeitung von gestern. Familie. Das war jetzt vorbei. Damals konnten sie keine Kinder haben, heute hatten sie auch keine Enkel, die am Sonntag zum Essen kamen, zu Oma und Opa. Der Tisch wäre auch viel zu klein, Johanna hatte schon gedeckt. Keiner sagte etwas. Wozu? Sie dachten ja doch dasselbe. So würde es wohl auch die ganzen Feiertage über sein. Johanna, Herrmann und der kleine Baum in der Ecke, wo sonst sein Sessel stand. Es war einfach zu ruhig. Am Nachmittag kam Käthe vorbei zum Kartenspielen. Dann war Dienstag. Herr Pfennig war außer sich über die Tatsache, daß am Samstag nicht genügend Geschenke dagewesen waren. "Ja, Herr Kaddig, das war natürlich nicht ihre Schuld, da hat Fräulein Vollbrecht nicht genügend eingepackt. In Zukunft legen wir immer noch eine Kiste mit einem Notvorrat dazu, für alle Fälle. Aber sie haben ja das Beste daraus gemacht, dem Schmidt von der Apotheke muß ich auch noch danken. Gut, Herr Kaddig, dann machen sie mal weiter. Kaufen geht durchs Herz, Herr Kaddig! Prächtig, prächtig ..." und weg war er wieder. Dann lief alles wie immer. Gegen halb sechs kamen zwei Kinder mit ihrer Oma in die Passage. Die Oma klopfte sorgfältig die Jacken ab, draußen schneite es wieder sehr stark. Oma? Dieser Mantel, die weißen Haare, das war keine Oma, das war Johanna! Der Weihnachtsmann wurde sichtlich nervös. "Oma Hanna, da ist der Weihnachtsmann, der Weihnachtsmann!" und sie stürmten auf ihn zu. "Hohoho, ihr Lieben!" brummte er unsicher und zog sich Bart und Mütze höher beziehungsweise tiefer ins Gesicht. Was jetzt? An Flucht war nicht zu denken, und dann hatte Johanna ihn ja schon in dem Kostüm gesehen, damals bei Krensmann. Erst einmal Ruhe, Ruhe bewahren. "Ist ja gut, Kinder. Wartet dort, ich komme gleich nach, ich will noch hier in den Buchladen!" Fürs erste geschafft, die Situation entspannte sich; die Kinder bekamen ein kleines Spielzeug und rannten in den Buchladen. Jetzt nichts wie weg, irgendwo auf die Galerien, auf jeden Fall außer Sichtweite. Das war reines Glück, daß sie nicht näher gekommen war. Die ganze Überraschung wäre dahin gewesen. Später sah er die drei wieder die Passage verlassen. Entwarnung. Wenig später war der junge Herr wieder da. "Also das mit der Pfütze, dem Birnenkuchen und so, ich glaube, ich weiß, was Sie mir damit sagen wollte. Sie hatten recht - aber das haben Sie sich doch nur ausgedacht?!" Herr Kaddig blickte ihn pikiert an. "Ausgedacht? Es mag so klingen, aber es ist wirklich so geschehen, da gebe ich ihnen mein Wort drauf, als Weihnachtsmann!" Der junge Mann lachte - das erste Mal. "Und wie ging das dann weiter mit Ihnen und der Bauerstochter?" "Jaaa", seufzte der Weihnachtsmann gedehnt. "Das mit der Pfütze habe ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen! Im Sommer brauchte unser Nachbar Helfer bei der Ernte, und ich habe mich ihm angeboten, so von Nachbar zu Nachbar. Und so habe ich dann abends nach der Arbeit beim Einfahren des Getreides und beim Dreschen geholfen, und da mußte sie mich auf ihrem Wagen mitnehmen, oben im Stroh - und ihr Vater hielt so große Stücke auf mich, daß ich nach der Arbeit noch helfe, und sie solle doch etwas freundlicher zu mir sein. Sie hat natürlich keine Gelegenheit ausgelassen, mir diesen Schachzug heimzuzahlen. Ich kam ja aus der Stadt und war nicht besonders geschickt im Heuaufladen, und da ließ sie schon einmal durch einen unbeabsichtigten Stoß die ganze Ladung über mir einbrechen. Der Stadtlümmel. Darüber konnte sie lachen ... ja, ja ... " "Aber warum haben Sie das alles gemacht, die Arbeit, das Feld, diese Bauerntochter und der ganze Hickhack?" "Warum haben Sie Ihre Frau geheiratet?" Johanna kam gut gelaunt nach Hause. Herrmann hatte schon Abendessen gemacht, und die Melancholie vom letzten Sonntag war vergessen. Man besprach schon mal Heilig Abend. Es waren nur noch sechs Tage und die Baumfrage war noch zu klären. Kleiner als im letzten Jahr, weil günstiger und nicht so eng. Alma und die Bückeburger sollten doch einen Umschlag bekommen "Fröhliche Weihnachten wünschen Eure Johanna und Euer Herrmann" wie jedes Jahr. Eine Ente sollte es in diesem Jahr sein, eine kleine, nur für sie beide. Alles war besprochen, am Freitag sollte er den Baum holen, und so weiter. Dann setzten sie sich ins Wohnzimmer. Johanna zum Stricken, Herrmann zum Zeitunglesen. Nach einer Zeit hielt sie inne, im Radio war gerade Bing Crosby zu hören: "White Christmas". "Weißt Du, was der gnädige Herr sich letztens geleistet hat? Ich wußte ja nicht so genau, ob er noch, na ja, ganz richtig war! Da kommt er in die Küche, die gnädige Frau erwarteten wir erst spät, mit einem Backbuch in der Hand. Wo denn Mixer, Schüssel und die ganzen Sachen seien, fragte er mich. Und was glaubst Du, hat er gemacht? Er hat einen Birnenkuchen gebacken, mit einem großen Herzen darauf, für seine Frau." Sie schüttelte den Kopf. "Und die Küche sah aus! Zwischendurch habe ich doch einmal nach dem Rechten gesehen und habe das Eine oder Andere gerettet, aber er hat sich tapfer geschlagen! Nur das Herz war etwas krumm und schief geworden." Herr Kaddig schmunzelte in sich hinein. Einen Kuchen. Dieser Jansen! "Und was dann?" fragte Herrmann möglichst uninteressiert, um keinen Verdacht zu erwecken. "Und dann? Das glaubst Du nicht - die gnädige Frau kam zur Tür herein, völlig fertig, eigentlich die richtige Situation für einen Streit über Tims Schulleistungen. Da überreicht er ihr den Kuchen, und sie ist hin und weg, das große Herz sei wundervoll. Dann Friede, Freude, Birnenkuchen und ein herzlicher Kuß. Seit langem das erste Mal, glaube ich." Wieder schüttelte sie ungläubig den Kopf. Herrmann wuchs innerlich mehr und mehr - Tja, von wegen ausgedacht! Sie haben ihr also einen Birnenkuchen gebacken und sie haben sich vertragen?!" Der junge Mann guckte den Weihnachtsmann an wie ein Auto. "Woher wissen Sie das?" "Na, ich bin eben der Weihnachtsmann", sagte Herr Kaddig stolz. Er genoß es, den jungen Kerl sprachlos zu sehen. "Sie überraschen mich immer wieder!" lachte Herr Jansen. Es war schön, ihn lachen zu sehen. "Vertragen ist aber übertrieben. Wir haben eine ganze Nacht lang geredet über Pfützen und Kuchen, sie wissen schon..." Herr Kaddig nickte. "Und ich glaube, da ist einiges bei herumgekommen. Dinge, von denen ich nichts wußte, sie nichts wußte. - Und wie ist es bei Ihnen gewesen und der Nachbarstochter?" "Genauso. Nach der Erntezeit hat sie mich morgens immer mitgenommen. Wir haben uns förmlich abgepaßt. Ganz in Ruhe gelassen haben wir uns trotzdem nie, bei jeder Gelegenheit ... nun ja." "Erzählen Sie doch weiter!" "Na, was gibt es da zu erzählen, da gab es eben noch den Hans Brügge, ihren Verehrer. Natürlich auch ein Bauerskind. Groß, stark, recht wohlhabend - eben alles, was ich nicht war. Deshalb habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, daß sie mir etwas bedeuten könnte, bis dann ihre Pfützen irgendwann aufhörten. Sie war eben mit dem Hans beschäftigt. Und ich kann Ihnen sagen, da erst fehlte mir etwas. So ist es bei Ihnen und Ihrer Frau doch auch, oder? Nur Harmonie und Friede, Freude, ... sie wissen schon, gibt es nicht, glauben Sie einem alten Mann. Aber wenn die Pfützen zu tief werden und der Birnenkuchen zu versalzen, dann, ja dann ... ist nix mehr, obwohl jeder es eigentlich will. Das ist ganz einfach!" Den jungen Mann nahmen die Schilderungen des Weihnachtsmannes sichtlich mit, ganz gerührt. "Und dann habe ich mich zusammengenommen und ihr alles gesagt, morgens auf dem Melkwagen, zwischen all den klappernden Kannen. Wann haben Sie Ihrer Frau das letzte Mal gesagt, daß Sie sie lieben?" Der junge Mann mußte nachdenken und sah, wie der alte Weihnachtsmann dasaß und wissend nickte. "Und? Was ist aus Ihnen und der Tochter des Bauern geworden?" fragte er. "Na, geheiratet habe ich sie. Und das schon vor bald 47 Jahren!" Irgendwie war an dieser Stelle alles gesagt. Herr Kaddig lehnte sich wieder geräuschvoll zurück. Der junge Mann neben ihm schwieg. Die teuren Schuhe, der tolle Mantel, der dicke Terminkalender, sein Handy piepste. Er entschuldigte sich - "das Büro" und ging. Dann fragte er noch, ob der Weihnachtsmann am Samstag auch hier sei. Jetzt aber schnell. Herr Jansen und Herr Kaddig hatten sich schon viel zu lange unterhalten, und der Freizeitweihnachtsmann mußte sich beeilen. Schnell noch die letzten Stufen hinauf und in die Wohnung. Essen machen. Mmmmhh, dieser Duft ... woher? Johanna war schon zu Hause. So früh? "Herrmann, Herrmann, bist Du's? Wo warst Du denn?" Na ja, in der Stadt eben, schon mal nach guten Bäumen gesucht, Preise verglichen, und so weiter, und nach einem Geschenk für sie gesucht - nichts bestimmtes eben. Das war unverfänglich genug. "Na ja, in der Stadt eben ..." "Aber nichts Kostspieliges, das hatten wir ja ausgemacht, keine Unkosten!" forderte sie noch einmal. "Ach, übrigens, ich muß leider an Heilig Abend arbeiten. Sie erwarten wohl Gäste." Herrmann schaute sie beleidigt an, das hatte es bisher noch nie gegeben. Johanna Heilig Abend nicht da! "Da kann man dann wohl nichts machen!" Herr Kaddig sah enttäuscht drein. Seine große Überraschung, und keine passende Weihnachtsatmosphäre. "Sie haben so lieb gebeten, die Herrschaften, da konnte ich nicht nein sagen, und die Kinder wollten auch, daß ich da bin - wie verschworen." Freitag, 21. Dezember. Johanna war beim Friseur, Herrmann machte sich auf in die Passage, denn Herr Pfennig hatte ihm versprochen, das Geld schon vor seinem letzten Arbeitstag auszuzahlen. "Das war prächtig, Herr Kaddig, einfach prächtig! Sie als Weihnachtsmann, alle anderen Passagen und Kaufhäuser haben uns um Sie beneidet, wie gesagt, Sie waren der beste Weihnachtsmann seit langem. So, hier das ausgemachte Geld, und in diesem Umschlag, na ja, die Anzahlung fürs nächste Jahr, damit die Konkurrenz nicht schneller ist. Ich hoffe doch, wir sehen uns nächstes Jahr wieder, na ja, morgen ja auf jeden Fall, Ihr letzter Tag. Also bis morgen, Herr Kaddig, und viel Spaß beim Einkaufen, Herr Kaddig!" Wie immer hatte er selbst kaum etwas gesagt, Herr Pfennig erledigte das. Die "Anzahlung" war nicht zu verachten. Herr Kaddig war ganz gerührt, alle Händler hatten noch auf einer Karte unterschrieben, sich bedankt für das viele Herz und Frohe Weihnachten gewünscht. So, jetzt aber nichts wie los, Mantel, Schuhe und Bäumchen kaufen, bevor alles leergekauft war, klar, es waren nur noch 2 ½ Einkaufstage, der Endspurt setzte ein. Als erstes das Schuhgeschäft König, bei dem Johanna die Schuhe schon anprobiert hatte, aber nicht kaufen konnte ... das würde das schönste Weihnachtsgeschenk für die liebe Johanna! Schuhhaus König - die Hölle war los. "Haben Sie den noch in 7 ½?" "Nein, das ist nicht, was wir suchen. Gibt es da nichts in braunem Wildleder?" Die Verkäuferinnen hatten alle Hände voll zu tun. Herrmann wußte, wo die Schuhe standen, die er suchte, aber gerade bei den Damen war kaum ein Durchkommen. Größe 38 und schwarz sollten sie sein, zum Schnüren... . "Ach, entschuldigen Sie, ich suche die ... " "Einen Moment bitte, ich komme gleich zu Ihrer Frau, einen Moment!" und weg war die Frau wieder. Ihn als Mann in der Damenabteilung nahm man gar nicht wahr. Herr Kaddig wartete geduldig, hatte mittlerweile schon den einen Schuh in der Hand, und wollte eigentlich nur den zweiten Schuh dazu und zahlen. "Da hatten Sie aber Glück, das war der letzte!" Dann war er wieder draußen, stolzer Besitzer des letzten Paares für Johanna. So, nun der Mantel bei Großmann, der aus dem Schau- ... umdekoriert! Für den Weihnachtsausverkauf. "Ich suche den hellen Wollmantel aus Ihrem Schaufenster, der da noch vor ein paar Tagen hing. In Größe 40, für meine Frau!" "Welchen hellen - ach den! Der, ja ... " Herr Kaddig war schon froh, die Schuhe bekommen zu haben. Wozu dann noch den Mantel? Auf der Bank lag das Geld auch nicht gerade schlecht. "Den letzten haben wir vor zwei Tagen glaube ich verkauft." So viel 'Hohoho' und Rentiere, und jetzt der Mantel weg. "Aber waren Sie schon in unserem Hauptgeschäft im EKZ vor der Stadt? Warten Sie mal, ich rufe dort an, ob sie das Stück noch haben!" Vor der Stadt - mit der Bahn, wenn es günstig lief, eine halbe Stunde, jetzt war es Viertel nach Sieben, könnte noch ausreichen. Sie hatten ihn noch, die Verkäuferin kehrte strahlend zurück. "Wenn Sie sich beeilen?!" Ab, zur Straßenbahn, stadtauswärts. Was war jetzt mit dem Bäumchen? Zur Not eben morgen, nach der Arbeit, es war dann eben alles noch nicht so das Richtige! Die Straßenbahn war pünktlich am EKZ. Jetzt Großmann! Links herum, 50 Meter und rein. "Den hellen Wollmantel aus den Schaufenstern in Größe 40, vor ein paar Tagen," keuchte Herr Kaddig, es war genau 8 Uhr. "Ach ja, die hatten uns angerufen, ich schaue mal!" Und sie lächelte den armen Herrmann an. "Sie meinen sicherlich diesen hier, oder?" Sie kam zurück und legte ihn vor Herrn Kaddig auf den Tisch. - Ja, das war er! Geschafft, morgen hätte er arbeiten müssen, und Montag hätte Johanna ihn nicht aus dem Haus gelassen. Weihnachten wäre perfekt. Wenn nur Johanna nicht arbeiten müßte! Na, noch ist ja nicht Weihnachten... Samstag, noch drei Tage. Herr Kaddig wickelte sich das letzte Mal in seine Weihnachtsmannuniform. Sein Geschenkesack war heute besonders groß, die Leute waren wie verrückt. Die Passage war voll wie noch nie. Unzählige Kinderhände griffen nach seinem Bart, den Zipfeln seines Mantels und dem großen Jutesack natürlich. Er war schon fast heiser vom vielen 'Hohoho', was Groß und Klein besonders gefiel, und dem ständigen 'Frohe Weihnacht, meine Kinder!' und 'Denkt daran: Bis morgen noch schön brav sein!'. Überall war Lachen, Lächeln, Fröhlichkeit, und fremde Menschen unterhielten sich miteinander, während die Kinder alle auf den Arm und die etwas größeren auf seinen Schoß wollten. Der große Weihnachtsbaum in der Mitte der Halle war zusammen mit Santa Kaddig von einer fröhlichen Menschentraube umringt. Glühwein, Schmalzkuchen und allerlei Gewürze erfüllten mit ihrem Duft die Luft. Den Weihnachtsmann, den wollten sie sehen und anfassen. Herr Kaddig war viel zu beschäftigt, um zu bemerken, daß sich unter den wichtigen Gesten Herrn Pfennigs eine Blaskapelle auf der Galerie aufbaute. Dann gingen die Lichter aus und die Kapelle begann im Schein der vielen Kerzen des Baumes mit 'Süßer die Glocken nie klingen'. Die Leute sangen mit, der Weihnachtsmann sang und die Kinder. Auch Herr Pfennig ließ es sich nicht nehmen, an dieser Stelle über die Lautsprecheranlage ein paar Dankesworte an die Kunden zu richten und natürlich an den Weihnachtsmann. - Die Leute applaudierten und Herr Kaddig wußte gar nicht, wie ihm geschah, dann wieder Trompeten. Die Zeit verging wie im Fluge, und plötzlich stand da der junge Mann wieder, lächelnd: "Na, das ist ja ein Empfang, hoffentlich kann ich da mithalten!" Der Weihnachtsmann verstand nicht. "Nun, ich hoffe, Sie als Weihnachtsmann am Heiligen Abend bei uns zu haben, mit Ihrer Frau natürlich. Für die Kinder. Das dürfen Sie mir nicht abschlagen. Ich möchte Sie beide dabei haben, wir haben auch Gäste, und ich backe wieder einen Birnenkuchen!" Herr Kaddig war einfach viel zu glücklich in diesem Moment, um zu verstehen, auf was er sich da einließ - und ehe er's sich versah, schien er 'Ja' gesagt zu haben. Der junge Mann drückte ihm seine Karte in die Hand, verabschiedete sich und war schon in der Menge verschwunden. "Bis Montag dann!" Der Weihnachtsmann war furchtbar beschäftigt, und erst, als er sich umzog, fiel ihm die Visitenkarte wieder in die Hände. O nein! Aber eines war klar: Absagen konnte er nicht. Die vorweihnachtliche Freude hatte ihn das Baumproblem ganz vergessen lassen. Er hatte Johanna versprochen, das heute noch zu klären, also einen zu kaufen. Die Weihnachtsbaumhändler waren glücklicherweise großzügig in der Auslegung der Öffnungszeiten. Er mischte sich unter die Vielzahl derer, die entschlossen unentschlossene Weihnachtsbaumkäufer waren und auf ein Schnäppchen hofften. Baum war schließlich nicht gleich Baum, davon hing entschieden das Weihnachtsfest ab. Meistens waren es die Väter und Ehemänner, die hier draußen die schweren Entscheidungen treffen mußten und dann ja doch den falschen kauften. Man beratschlagte sich gegenseitig, die Bäume wurden gedreht und hin und her verglichen, genau beäugt. Bei Herrn Kaddig war letztlich der Preis entscheidend, und da gab es dann eher eine Kombination aus Klein und Unförmig - aber auch dieser Baum würde sich in Silber sehr gut machen, in der Ecke, wo sonst sein Sessel stand. Also eingenetzt und zurück durch das immer stärker werdende Schneegestöber nach Hause. "Herrmann, was schleppst Du denn da an, also wirklich, nein, der ist ja so, ich weiß auch nicht ..." Na also. Dann wurde gegessen, und Johanna war schon so aufgeregt, ob denn auch alles klappe, mit dem Baum, ob die Karten rechtzeitig da wären und, ach ja, was sie wohl anziehen solle Heilig Abend bei Jansen, bei den feinen Herrschaften, ach hätte sie doch dankend abgelehnt! Moment. Herr Kaddig wurde hellhörig. "Ich dachte, Du bist als Bedienung und in der Küche bei Jansen, sie hätten Gäste, hast Du gesagt!" Er hatte sich gedacht, nur kurz bei dem jungen Mann vorbeizuschauen, seine Frau zu entschuldigen, sie sei krank, Johanna aus dem Weg zu gehen und sich hinter dem Rauschebart zu verstecken, den Kindern etwas zu überreichen und dann - es waren ja noch sooo viele andere Kinder da, Rentierschlitten und weg! Hatte er sich gedacht. "Das hatte ich wohl mißverstanden, wir beide sind eingeladen bei den gnädigen Herrschaften, Heilig Abend mit ihnen und den Kindern zu feiern und einem älteren Ehepaar. Der Mann ist wohl der Weihnachtsmann, von dem alle sprechen, aus dieser Einkaufspassage! Was Du anziehst, weiß ich auch nicht so recht, wann sind wir schon einmal bei so feinen Leuten, das ist mir richtig unangenehm..." Herr Kaddig war sprachlos. Dagegen waren die Feier bei Krensmann, das blonde Mädchen, das ihm den Bart heruntergerissen hatte und die Jagd nach den Geschenken ein Kinderspiel gewesen. - Wer wußte was genau? Das junge Paar rechnete mit vier älteren Herrschaften zum Essen, darunter ihre Hausdame und der Weihnachtsmann, der als Eheberatung fungiert hatte, beide nebst Ehepartner. Johanna erwartete den netten Weihnachtsmann mit Frau, die Kinder Oma Hanna und den Weihnachtsmann und Herrmann die Katastrophe. Heilig Abend. Das Bäumchen war geschmückt, und Herrmann hatte nicht geschlafen. Johanna war furchtbar aufgeregt, bügelte ein Hemd nach dem anderen und verwarf die Garderoben dann wieder. Krank sein. Er fühle sich nicht wohl, Johanna, ginge alleine, er als Weihnachtsmann hinterher. Seine Frau zufällig auch krank, und dann er die ganze Zeit mit Rauschebart am Tisch - eine Möglichkeit nach der anderen wurde verworfen, wie Johanna die Kleider verwarf. Dann war es soweit. "Herrmann, der Bus fährt gleich. Beeil Dich, wir müssen los!" Er beeilte sich. An der Bushaltestelle dann: "Oh, Hanna! Wir haben die Kerzen brennen lassen!" Er war sich wirklich nicht sicher. "Ich gehe zurück. Fahr Du nur vor, ich komme nach!" "Ach was, Herrmann, die Kerzen sind doch aus, wir müssen, da, der Bus kommt!" Herrmann war schon weg. "Ich sehe lieber nach!" Der Bus hatte vor Johanna gehalten, sie stieg automatisch ein, hatte noch nicht alles ganz begriffen. Herrmann winkte ihr noch. Johanna erklärte zum wiederholten Male, wie leid es ihr täte, ihr Mann käme nach. Man rätselte, wo denn die Übrigen blieben. Frau Jansen hatte den Birnenkuchen angeschnitten. Eigentlich die falsche Reihenfolge, vor dem Abendessen, aber man war ja so aufgeregt. Da pochte es laut an der großen Haustür. Johanna stand automatisch auf, aber der gnädige Herr war schneller. Die Kinder guckten erschrocken und erwartungsvoll zugleich. Schnee wehte ins Haus, eine weiße Wand. Draußen stürmte es wieder. Ein lautes 'Hohoho', dann ein roter Bauch, schwarze Stiefel, "Fröhliche Weihnachten!". Nicht nur die Kinder waren tief beeindruckt. Ein imposanter Auftritt, dachte Herr Jansen, und begrüßte den Weihnachtsmann freundlich. Der überreichte allen ein paar Geschenke. So mußte sich der Weihnachtsmann fühlen. Er war der Weihnachtsmann. Die Augen aller Anwesenden glänzten vor Freude. "Ich wünsche allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest, Tim und Lisa, Herrn und Frau Jansen, Frau Kaddig. Ein hervorragender Birnenkuchen!" Er wandte sich wieder zum Gehen. Es warteten noch soo viele kleine und große Kinder, er hätte sich schon viel zu lange aufgehalten und müsse nun weiter. "Aber natürlich", sagte Herr Jansen, und der Weihnachtsmann ging wieder. An der Tür meinte Herr Jansen noch: "Bis nachher dann!" Kurz darauf klingelte es wieder an der Tür. "Entschuldigung, daß ich zu spät bin. - Du hattest natürlich Recht, Johanna." wandte sich Herr Kaddig dann an seine Frau. Die Kinder waren mit Auspacken beschäftigt, und die vermeintlich Erwachsenen freuten sich an dem Anblick wie eine Familie. Draußen ertönten leise Glöckchen, zartes Traben von Hufen war zu hören, dann eine tiefe Stimme: "Brrr, meine Lieben. Hohoho!" Es rumpelte an der Tür, der Schnee stob durch die Ritzen, und bevor jemand an der Tür war, verklangen die Glöckchen und es war wieder still. Herr Kaddig und auch Herr Jensen waren ganz verblüfft. Wer sollte das noch sein? Johanna ging zur Tür und öffnete.
Was sie dort fand?

4 Geschenke lagen vor der Tür

© Martin Böhnke 1997

Allen ein Gesegnetes Weihnachtsfest!